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Überblick über die Erwachsenenbildung/Weiterbildung (EB/WB) in Deutschland

 

[up]Wer ist politisch verantwortlich für die Weiterbildung?

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein föderalistischer Staat. Dies ist in der Ausbildung und Kultur, wo die Staatsmacht prinzipiell auf Länderebene und nicht Staatsebene liegt, von wichtiger Bedeutung.

[up]Wie sind die Institutionen der Erwachsenenbildung/ Weiterbildung strukturiert?
Die Institutionen der Erwachsenenbildung/Weiterbildung weisen eine unterschiedliche Struktur auf. Sie unterschieden sich nicht nur nach ihrer jeweiligen Größe, sondern vor allem auch dadurch, ob

  • sie ausschließlich für WB zuständig sind oder WB „ unter anderem“ betreiben;
  • ihre Angebote für alle Interessent/inn/en offen sind oder nur für einen begrenzten Personenkreis;
  • sie Teil einer gesellschaftlichen Großorganisation wie Kirche, Gewerkschaften, Unternehmensverbänden oder nicht derart angebunden sind;
  • sie erwerbswirtschaftliche Interessen (z. B. Fernlehrinstitute), partikulare Interessen (z. B. Volkshochschulen) oder organisatorische Interessen (z. B. Betriebe) realisieren;
  • sie einen privaten, einen öffentlich-rechtlichen oder einen staatlichen Rechtsstatus haben;
  • sie Angebote zum gesamten Bereich der EB machen oder auf bestimmte inhaltliche Angebotsfelder konzentriert sind.

[up]Wer sind die wichtigsten Akteure?

Die wichtigsten EB-Einrichtungen bzw. deren Zusammenschlüsse sind:

  • die gewerkschaftliche EB
  • die betriebliche EB
  • die Volkshochschulen (VHS)
  • die konfessionelle EB seitens der katholischen Kirche
  • die kommerziellen EB-Einrichtungen
  • die Ferninstitute
  • die Arbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben (AuL)
  • die Heimvolkshochschulen und im weiteren Sinn Bildungsstätten mit Internatsbetrieb
  • die Kammern (Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Landwirtschaftskammer) offerieren eine große Vielfalt von EB-Angeboten und tragen durch Anerkennung von Abschlüssen zur Professionalisierung und Qualifizierung bei
  • die direkt staatlichen WB-Einrichtungen, also Weiterbildungs-„Schulen“ in staatlicher Trägerschaft
  • Bildungswerke der Wirtschaft
  • eine Vielzahl von „Initiativen“ und „Alternativen“
  • Hochschulen, die laut Hochschulrahmengesetz zur EB/WB verpflichtet sind
  • Stiftungen der politischen Parteien.

[up]Welches sind die wichtigsten Finanzierungsquellen?

Entsprechend der pluralen Struktur der WB in Deutschland erfolgt die Finanzierung aus unterschiedlichen Quellen:

  • seitens des Staates (Bund, Länder) und der Gemeinden,
  • seitens der (privaten) Wirtschaft,
  • seitens der Trägerorganisationen von EB-Einrichtungen,
  • seitens der privaten Haushalte sowie
  • seitens der Bundesagentur für Arbeit (bis 2003 Bundesanstalt für Arbeit).

[up]Wie viele Institutionen existieren in diesem Bereich?

Die Zahl der Institutionen ist sehr groß. Bereits die Zahl staatlich (von Bund und Ländern) anerkannter und öffentlich geförderter Einrichtungen liegt bei weit über 2.000, davon 1.000 Volkshochschulen. Eine ähnliche Größenordnung haben die EB-Institutionen von Unternehmen, Betrieben, Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern. Hinzu kommen schließlich zahlreiche private und kommerziell betriebene EB-Einrichtungen – alleine in manchen Großstädten wie Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main und München existieren zwischen 300 und 600 solcher Institutionen.

[up]Wie hoch sind die Ausgaben der öffentlichen Hand für EB/WB?

Die WB in Deutschland wurde im Jahr 2000 mit insgesamt 36,7 Milliarden EUR finanziert.
Die Ausgaben der „öffentlichen Hand“ (Bund, Länder, Gemeinden) für die WB entsprechen im Jahr 2000 Anteilen von 0,38% des öffentlichen Gesamthaushaltes (1992: 20,42%) und 0,11% des Bruttosozialprodukts (1992: 0,14%). Der Anteil am Gesamthaushalt liegt damit weiterhin deutlich unter denjenigen für den Elementarbereich (1,43% des Gesamthaushalts; 1992: 1,20%), für die Hochschulen (3,18% des Gesamthaushalts; 1992: 7,97%) und für die Schulen (7,53% des Gesamthaushalts; 1992: 7,33%). Die öffentlichen Ausgaben für WB hatten zwar seit 1975 den größten Zuwachs aller Bildungsbereiche, liegen 2000 mit 28 EUR pro Einwohner aber weiter deutlich hinter den anderen Bildungsbereichen (Elementarbereich: 104 EUR, Schulen: 569 EUR, Hochschulen:231 EUR). Die öffentliche Hand finanziert hauptsächlich Zuschüsse zu Maßnahmen und Institutionen (vor allem seitens der Kommunen und der Länder), Modellmaßnahmen, Bildungsprogramme (hauptsächlich seitens des Bundes) und zielgruppenbezogene Programme. Allerdings wären die Ausgaben der öffentlichen Hand zu ergänzen durch „verdeckte“ öffentliche Etats für EB, also etwa Ansätze zu EB in anderen Ressorts (Landwirtschaft, Verwaltung etc.).

[up]Wie groß ist die Beteiligung allgemein in der Weiterbildung?

  • Die Teilnahme an EB/WB nimmt nach dem 40. Lebensjahr ab, insbesondere in beruflichen und berufsbezogenen Angeboten.
  • Die Beteiligung an der beruflichen Weiterbildung ist in der Altergruppe zwischen 15 und 35 überdurchschnittlich hoch. Der Anteile von Personen mit höheren Bildungsabschlüssen liegt auch deutlich über dem Durchschnitt.
  • Die Teilnahme an EB/WB ist umso größer, je höher der Bildungsstand der Teilnehmenden ist.
  • Die Teilnahme an EB/WB unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen nur, wenn Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung durch „Familienphasen“ und Teilzeitbeschäftigungen unberücksichtigt bleiben.
  • Die Teilnahmemöglichkeiten in ländlichen Regionen sind geringer, hier gewinnen multimediale gestützte Lernformen neben Fernunterricht an Bedeutung.
  • Wie vom Bildungsniveau ist die Teilnahme auch von der soziale Situation abhängig; je schlechter sie ist, desto seltener nehmen Menschen an Weiterbildung teil.
  • Information und Beratung erweisen sich als zunehmend wichtige Bestimmungsfaktoren der Weiterbildungsteilnahme.
  • Selbstgesteuertes Lernen und arbeitsplatzintegriertes Lernen holt in Relation zu organisiertem Lernen im Spektrum der Weiterbildungsteilnahme auf.

[up]Was kann man über die Teilnahme, Dauer und Angebote in der beruflichen Weiterbildung in Deutschland sagen?

Globale Übersichten über die Teilnahme an EB in Deutschland liefert seit 1979 die im Auftrag des BMBF von Infratest Sozialforschung durchgeführte Erhebung zum „Berichtssystem Weiterbildungsverhalten“. Die letzte Erhebung fand 2000 statt. Bis auf eine Abnahme von 1997 auf 2000 ist die Weiterbildungsteilnahme in Deutschland seit 1979 im langfristigen Trend angestiegen. 1979 gaben 23% der erwachsenen Bevölkerung an, sie hätten sich im vorangegangenen Jahr weitergebildet, 1991 (alte und neue Bundesländer zusammen) waren es 37%, 1997 48% und zuletzt 2000 43%. Die 43% der deutschen Bevölkerung im Alter von 19 bis 64 Jahren im Jahr 2000 entsprechen etwa 21,4 Millionen Menschen.

Differenziert nach beruflicher Weiterbildung
An Maßnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung haben von 1999 bis April
2000 4,099 Millionen Erwerbspersonen teilgenommen, das sind 10,2% (gegenüber 13,3% im Jahr 1998) aller Erwerbspersonen (Mikrozensus 1998 und 2000 Stat. Bundesamt). Seit der deutschen Einigung hat die Teilnahmequote bei den Frauen die der Männer erreicht (1991: beide 15,5%) und überschreitet sie mit zunehmender Tendenz (1998: Frauen 13,7%, Männer 13,0%; 2000: Frauen 11,0%, Männer 9,6%). Deutlich über dem Durchschnitt liegt die Beteiligung an beruflicher Weiterbildung in den Altersgruppen zwischen 15 und 35 Jahren. Ebenfalls deutlich überdurchschnittlich ist der Anteil der schulisch besser Gebildeten – bei Personen mit Hauptschulabschluss nahmen 1999 nur zu 3,1% berufliche Weiterbildung wahr, Personen mit Hochschulreife dagegen zu 20,6% (Mikrozensus 1999).

Teilnahme an beruflicher Aus- und Weiterbildung
Der Großteil der beruflichen Bildungsmaßnahmen fand am Arbeitsplatz statt
(knapp die Hälfte), ein Drittel in besonderen Fortbildungs- oder Umschulungsstätten, während Fortbildungen bei einer Kammer, an einer berufsbildenden Schule oder Hochschule, durch Fernunterricht oder andere Formen seltener genutzt wurden (siehe auch Tab. 2). Die Dauer der beruflichen Weiterbildung lag 1998 noch zur Hälfte unter einem Monat (dies entsprach der Fortbildung am Arbeitsplatz, wies also vor allem auf Anlernprozesse in der Arbeit hin), in einem Viertel der Fälle dauerte die Fortbildung zwischen einem und sechs Monaten, alle weiteren verteilten sich auf Maßnahmen, die sechs und mehr Monate bis über zwei Jahre umfassen. Bis zum Jahr 2000 haben sich die Verhältnisse nahezu umgekehrt. Die Maßnahmen unter sechs Monaten haben nur noch einen Anteil von unter 10%.

Fernunterricht
Am Fernunterricht nahmen im Jahr 2000 insgesamt 141.480 Personen teil. Nach kontinuierlichen Rückgängen (von 1993 bis 1998) ist seit 1999 eine deutliche Trendumkehr zu erkennen.
 

[up]Wie viele Menschen arbeiten in der Weiterbildung?

Es liegen keine genauen Angaben darüber vor, wie viele Personen insgesamt in EB-Einrichtungen mit der Planung von Angeboten und der Lehre selbst beschäftigt sind. Lediglich das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) veröffentlicht regelmäßig Statistiken zum Personal an den Volkshochschulen und kann sie auf der Basis seiner Erhebungen zum Berichtsjahr 2002 für den Bereich der kirchlichen EB und aus Einrichtungen der politischen EB durch Schätzungen ergänzen. Demnach waren im Jahr 2002 an Volkshochschulen insgesamt 205.000 und in Einrichtungen der kirchlichen und politischen WB weitere 78.000 Personen beschäftigt. Der weitaus größte Teil (95%) arbeitet in neben-, freiberuflicher oder ehrenamtlicher Tätigkeit.
Die hauptberuflichen pädagogischen Mitarbeiter/innen verrichten vorwiegend planend-disponierende, zunehmend aber auch organisatorische und Management-Tätigkeiten.
 

[up]Was sind die wichtigsten Fakten bezüglich der Professionalisierung der Beschäftigten in der Weiterbildung?

  • An vielen deutschen Universitäten kann man Erwachsenenbildung studieren, entweder als Diplomstudiengang oder als ein Fach im Magisterstudium. Im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses stellen viele deutsche Universitäten ihre Studiengänge auf Master und Bachelor um.
  • Professionalisierung der in der EB pädagogisch Tätigen: Hier mangelt es vor allem an einer grundständigen praktischen Ausbildung, an einem ausreichenden und effektiven Fortbildungsprogramm und an der Entwicklung eines passenden Berufsbilds.
  • Unzureichende soziale Absicherung vor allem der nebenberuflichen Pädagog/inn/en, die ihren Lebensunterhalt durch Addition nebenberuflicher Lehrtätigkeiten erwerben: Diese Personengruppe ist insbesondere im öffentlich geförderten Bereich (vor allem bei den Volkshochschulen) recht umfangreich.
  • Qualifizierung der Pädagog/inn/en in organisationsbezogenen Fragen, beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Organisationsentwicklung, Marketing und Finanzplanung, allesamt Aspekte, die bislang im Gegensatz zu pädagogischen Aufgaben zu stehen schienen.
  • Qualitätssicherung durch Qualifikation, Kompetenz und Kontinuität der pädagogisch Tätigen und durch geeignete innerorganisatorische Abläufe
  • Fragen der Anreicherung pädagogischer Tätigkeit um Beratungs-, Moderations-, Tutoren- und Servicefunktionen durch stärkeren Bezug zwischen organisiertem und selbstgesteuertem Lernen.

[up]Wie durchlässig sind die unterschiedlichen Sektoren des Bildungssystems in Deutschland?

Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges Schulsystem mit einer Schulpflicht von neun Jahren und differenzierten Schultypen, über ein ausgebautes Hochschulwesen mit unterschiedlichen Arten von Hochschulen bei gleichzeitiger regionaler Streuung sowie über ein spezifisches Konzept der Berufsausbildung („duales System“) in der Verbindung von öffentlichen Schulen und privaten Lehrverträgen. Seit den 1970er Jahren sind in Deutschland die Übergänge zwischen den einzelnen Bildungsbereichen erleichtert worden. So ist beispielsweise der Weg zum Abitur nicht mehr nur noch über das Gymnasium möglich, und das Abitur nicht mehr der einzige „Flaschenhals“ für die Zulassung zur Universität. Dennoch ist festzustellen, dass die unterschiedlichen Bildungsbereiche nach wie vor wenig vernetzt und ihre Angebote und Ausbildungsgänge nur unzureichend aufeinander abgestimmt sind.
 

[up]Welche unterschiedlichen Formen von Kursangeboten existieren in der Weiterbildung?

Die Formen der WB-Angebote sind vielfältig. Sie reichen von längerfristigen (bis zu zweijährigen) Vollzeitkursen (vor allem bei Umschulungsprogrammen) bis zu zweistündigen Vortragsveranstaltungen. Angebote der beruflichen Bildung dauern eher länger, solche der politischen, allgemeinen und kulturellen Bildung eher kürzer. Die typischsten Formen von WB-Angeboten sind:

  • Der Kurs mit wöchentlich ein bis zwei jeweils zweistündiger Lehre außerhalb der Arbeitszeit (abends) oder für Nichtberufstätige auch während des Tages; Angebote dieser Art finden hauptsächlich an Volkshochschulen statt.
  • Seminare von zwei- bis dreitägiger Dauer, oft als Wochenendseminar angeboten; die meisten Veranstalter haben diesen Angebotstyp im Programm.
  • Maßnahmen von ein- bis zweiwöchiger Dauer, angelehnt am Typ „Bildungsurlaub“, diese Angebotsform wird vor allem von Volkshochschulen, Bildungsstätten, Betrieben, „Arbeit und Leben“ teils mit, teils ohne Übernachtung angeboten.

[up]Welche Arten von Zertifikaten können erworben werden?

Ein großer Teil der kurzfristigen WB-Angebote ist ohne Abschluss, während die längerfristigen Maßnahmen in der Regel mit Abschlüssen versehen sind. Dabei gibt es vor allem drei Typen von Abschlüssen:

  • staatliche Abschlüsse
  • weiterbildungsspezifische Abschlüsse
  • organisationsspezifische Abschlüsse

[up]Existiert in Deutschland ein Gesetz zum Bildungsurlaub?

Neben das EB-Gesetz ist in zahlreichen Bundesländern ein Bildungsurlaubsgesetz getreten, das teilweise auch anders genannt wird. Diese Gesetze regeln die bezahlte Freistellung von Arbeitnehmer/inne/n zur Teilnahme an Bildungsmaßnahmen, formulieren ein individuelles Anspruchsrecht von in der Regel einer Woche pro Jahr und haben auf die Entwicklung einer spezifischen Angebotsform (ein- und zweiwöchige Seminarveranstaltungen) sowie dazugehörige Konzeptionen prägenden Einfluss ausgeübt. Die in elf der sechzehn Länder gültigen Bildungsfreistellungsgesetze haben zwar bei den von ihnen betroffenen WB/EB-Maßnahmen eine Veränderung der sozialen Struktur (insbesondere bei den Bildungsvoraussetzungen) bewirkt, bislang aber quantitativ noch wenig verändert, da durchschnittlich nur 2–4% der Arbeitnehmer/innen ihren Anspruch auf Bildungsurlaub (educational leave) realisieren.

 

Die "Short Facts" basieren auf dem Buch Nuissl, E.; Pehl, K. (2004): Porträt Weiterbildung Deutschland, 3. aktualisierte Auflage, Bielefeld. (W. Bertelsmann Verlag) aus der Reihe "Länderporträts Weiterbildung".