Fallbeispiel Frank

Meine Lebensgeschichte

Ich wurde am 22.11.66 als zweites Kind geboren.
Meine Eltern waren noch sehr jung, ca. 20 und 21 Jahre. Sie hatten beide Arbeit, ein großes Haus mit Grundstück, was renovierungsbedürftig war, und zwei Kinder, mich und meinen Bruder, der ein Jahr älter war.
Für das gekaufte Haus mussten sie einen Kredit abzahlen. Um das Haus renovieren zu können, brauchten sie auch viel Geld. Als meine Eltern merkten, dass sie sich mit allem etwas übernommen hatten, kam der Alkohol mit ins Spiel.
Es dauerte nicht so lange, da wurde jeden Tag Alkohol getrunken.

Ich wurde zurückgestellt.

Ich wurde ein Jahr zurückgestellt, so kam ich mit sieben Jahren in die Schule. In der ersten Klasse ist mir das Lesen- und Schreiben - Lernen nicht leicht gefallen. Meine Mutter konnte sich nicht vorstellen, dass es so schwer sein sollte. Sie wollte mir helfen, doch sie hatte nicht die Geduld und Ausdauer dazu. Wenn sie etwas getrunken hatte, was sehr häufig so war, sollte ich schreiben oder lesen. Sobald etwas falsch war, "setzte es Ohrfeigen". Da ich dann erst recht nicht lernen konnte, weil ich viel mehr ihre Hand beobachtete, machte ich vor Angst weitere Fehler. Das war garantiert keine richtige Hilfe, im Gegenteil, ich versperrte mich immer mehr dagegen.

Hilfe habe ich nie abgelehnt

Die zweite Klasse musste ich wiederholen, und so ging es von einer zur anderen Klasse. Ich lehnte es nie ab, mir von anderen Schülern helfen zu lassen, z. B. im Russischunterricht half mir eine Mitschülerin, da lernte ich auch, konnte ganze Sätze lesen und schreiben.
Die andere Sache war, als meine Mutter sich von meinem Vater getrennt hat und einen anderen Mann heiratete. Er half mit z. B. in Mathematik, ich zeigte guten Willen und lernte viel dazu. Die Freude war auch für mich sehr groß, als ich Einsen und Zweien geschrieben habe. Ich schaffte es zum Endjahreszeugnis von der Fünf auf eine gute Drei, und der Lehrer sagte, wenn ich eher angefangen hätte, dann wäre ich auf eine Zwei gekommen. Meine Mutter konnte sich auch nicht mit dem neuen Mann verbessern. Es wurde weiter Alkohol getrunken, und wir Kinder waren oft auf uns selbst gestellt. 

Das Kinderheim

Mit dreizehn Jahren hatte ich auch einige Wünsche, die ich mir gar nicht erfüllen konnte. Denn Taschengeld gab es selten oder gar nicht. Mit meinem Freund haben wir kleine Diebstähle in Kaufhäusern unternommen. Die Klasse 7 beendete ich, dann kam ich in ein Kinderheim in Lichtenberg. Die 8. Klasse begann für mich in einer anderen Schule, dort im Wohngebiet. Für mich galt es, die 8. Klasse abzuschließen und eine Lehre zu beginnen, voraussichtlich in der Speisenproduktion (Küche). So geschah es dann. 1983 im September begann ich eine Lehre als Teilfacharbeiter/Koch (Beikoch).
Im Heim hatte ich viele Freunde kennengelernt. Viele hatten in der Familie ähnliche Probleme, weshalb sie hier waren. Aber hier zu sein war nicht schlecht, ich fühlte mich hier anerkannt und wurde gut aufgenommen.

Selbständig leben

Ich beendete meine Lehre 1985 und begann im März als Beikoch zu arbeiten. Eine Wohnung bekam ich schon mit 18 Jahren. Das Heim jetzt zu verlassen und selbständig in einer Wohnung zurecht zu kommen, bereitete mir keine Angst.
Also bezog ich meine Wohnung. Mein Arbeitsplatz war ganz in der Nähe, wo ich mich gut eingearbeitet hatte. Auf der Arbeit hat man mich anerkannt und als einsatzwilligen Kollegen kennengelernt. In der ehemaligen DDR konnten Jugendliche einen Beruf erlernen, auch wenn sie viele Probleme in der Schule hatten. Die Ausbildung war praktischer und kürzer. Bei guter Leistung bekam man später die Gelegenheit, den vollen Abschluss nachzuholen.
Ich zeigte, was ich konnte, und man vertraute mir Facharbeiten an. 

Manchmal verzweifelte ich an meinen Fehlern

Ich versuchte es immer wieder zu verheimlichen, dass ich nicht so gut schreiben und lesen konnte, was mir meistens gelungen ist. Auf meiner Arbeit lernte ich meine jetzige Lebenspartnerin kennen. Ihr hab ich von meinen Problemen erzählt. Sie sah es nicht so verbissen, genauso ein enger Freund. Sie hatten beide Verständnis und gaben mir neuen Mut, wenn ich an meinen Fehlern verzweifelte. Viel zu spät erkannte ich, weshalb die Schule so wichtig ist. Jetzt, wo mir klar ist, dass ein ganz wichtiger Schritt in meiner Entwicklung fehlt, versuche ich, das Beste daraus zu machen. Alles, was ich erreichen wollte, musste ich mir fest vornehmen. Das schaffe ich schon, sagte ich mir.

Kleine Ziele setzen

So steckte ich mir kleine Ziele, z. B. wollten wir den Bootsführerschein besitzen. Meine Freundin bestand ihn, ich leider nicht. Beim zweiten Anlauf übte ich, las das Heft zweimal von vorne bis hinten, es klappte, und ich war froh. Oder auf der Arbeit war ich soweit, dass ich zum Lehrgang für meinen Facharbeiter delegiert worden bin. Ich lernte viel dazu, hatte bis auf Grammatik und Rechtschreibung vernünftige Zensuren, so dass ich mit Drei bestand. Die nächste Herausforderung war die Motorraderlaubnis, beim ersten Mal gelang es nicht, aber ich gab nicht auf. Wieder war der zweite Versuch erfolgreich. So gelang mir vieles; die Autofahrerlaubnis schaffte ich beim ersten Anlauf.

Ich habe meine Fehlerlücken erkannt.

Seit der Zeit, wo mir meine Fehlerlücken klar geworden sind, habe ich auf allen Gebieten, Lesen, Rechtschreibung, Geographie, Allgemeinwissen usw. sehr viel dazugelernt. Der Wunsch, noch besser schreiben und lesen zu können, ist immer noch sehr groß. Seit November 1993 nehme ich an einem Kurs teil, der mich zum Weiterlernen anregt. Beenden möchte ich den Kurs erst, wenn mein Ziel, was ich mir gestellt habe, erreicht ist. Ich merke, dass es von Mal zu Mal besser wird. Ich drücke mich nicht davor, meinem sechsjährigen Sohn abends Geschichten vorzulesen. Ich kann schon sagen, ein Teil meiner Angst hat sich in Mut umgewandelt und hilft mir, Dinge zu schaffen, die in meinem Ziel enthalten sind.

Frank

Aus: Florian Stenzel, Monika Tröster (Hrsg.): Geschichten aus Berlin, Reinheim 1994, S. 24ff.