Fallbeispiel RolfMit Gewalt geht eben nichts! Ich bin vaterlos zur Welt gekommen. Das war zur damaligen Zeit so üblich, denn die meisten Väter waren ja im Krieg. Die ersten sieben Jahre, also bis zum 2. Schuljahr ungefähr, war ich alleine mit meiner Mutter und meiner Großmutter. Meine Großmutter war Italienerin. Zu Hause wurde nur italienisch gesprochen, draußen auf der Straße nur deutsch. Man konnte mir aber nicht anhören oder ansehen, dass ich Italiener war. Als ich 8 Jahre alt war, hat meine Mutter geheiratet. Da kriegte ich einen Vater, aber das war keiner, das war ein Unmensch! Ich hab mich erst gefreut, als der kam. Der hatte so ein Motorrad. Damit kam er immer, hat ein paar Worte gesprochen mit meiner Mutter und ist dann mit ihr weggefahren. Ich blieb mit meiner Oma alleine. Wenn er wiederkam, setzte er sich auf die Holzkiste bei uns zu Hause, und ich habe mich neben ihn gesetzt. Ich kannte das ja nicht, so einen Ledermantel und so eine komische Ledermütze. Ich habe mich schon dafür interessiert. Ich hatte ein unheimlich schlechtes Elternhaus. Meine Mutter ist mit meinem Stiefvater nach der Hochzeit weggezogen. Wo die dann
gewohnt haben, weiß ich gar nicht. Ich hatte auch noch eine kleine Schwester, die haben
sie aber mitgenommen. Ich blieb alleine bei meiner Oma. Eines Tages haben die mich dann
geholt, und wir sind nach Nümbrecht ins Oberbergische gezogen. Die letzte Prügel habe ich zwei Tage vor der Verlobung gekriegt. Als ich älter wurde, habe ich gemerkt und auch gehört, dass der noch andere Frauen hatte neben meiner Mutter. Und dadurch ist der meiste Streit gekommen. Ich saß dann mit meiner Schwester immer in der Mitte. Und das ist ein A! 1953 bin ich in die Schule gekommen, da klappte das schon nicht so richtig. Zuerst
haben wir nur Stöckchen und gerade Striche auf die Tafel gemalt und Streichhölzer gelegt
zum Rechnen. Das ging eigentlich. Aber dann das 2. Schuljahr, das klappte nicht so, wie es
sollte, da musste ich dann zurück ins 1. Schuljahr. Eines Tages, meine Mutter war nicht
zu Hause, hatte mein Vater einen Brief von der Schule gekriegt. Ich kam nach Hause, da war
er schon so komisch. Er raste durch die Bude und rief: "HoI mal deine Schulsachen
raus! Jetzt liest du mir mal was vor!" Es kam dann natürlich nichts bei mir raus. Da
knallte er mir eine an den Kopf und brüllte: "Und das ist ein A, das ist ein B und
das ist ein C!" Und dann ging das immer so weiter. "So, und jetzt noch
einmal!" Und dann hat er mich verprügelt, bis ich grün und blau war. Was die aufgebaut haben mit mir, das hat der Alte wieder umgeschmissen. Wenn ich Hausaufgaben machen wollte und mein Vater im Hause war, gab es immer Theater. Der war ja immer am Zanken, entweder mit mir, mit meiner Mutter oder mit meinen Schwestern (ich hatte inzwischen noch eine Schwester gekriegt). Was meinst du, was ich Angst hatte in der Schule, wenn ich etwas machen musste und der Lehrer stand hinter mir. Da hatte ich richtig Schweiß in den Fingern und auch die Hose etwas nass, so fertig war ich. Das ging so bis zum 14., 15. Lebensjahr. Dabei hatte ich eigentlich ein gutes Verhältnis zu meinen Lehrern. Aber das war so: Was die aufgebaut haben mit mir, das hat der Alte wieder umgeschmissen. Ich war total fertig. Mit dem konnte man auch nicht reden, wenn man mal Probleme hatte. Und meine Mutter war auch ängstlich, was Probleme anging.Aber der Alte, der war dagegen! Mein Lehrer wollte mich eigentlich auf die Sonderschule schicken, aber mein Alter war dagegen. Das wäre ja auch teurer gewesen, weil ich zur Sonderschule mit dem Bus hätte fahren müssen. Mein Alter hat dann meinem Lehrer gesagt: "Nee, nee, was der bei euch nicht lernt, das lernt er woanders auch nicht." An dem Tag, als ich aus der Schule entlassen wurde, ich war 14 Jahre alt, habe ich mich dafür interessiert, bildungsmäßig weiterzukommen. Ich bin zum Pastor gegangen und habe ihn gefragt, ob er nicht etwas für mich tun könnte. Ich dachte, der kennt ja katholische Schulen und kann mich doch nicht einfach arbeiten schicken. ,Tja' sagte der Pastor, da muss ich erst mal mit deiner Mutter sprechen!' Meine Mutter war eigentlich dafür, dass ich weiter zur Schule gehe, aber der Alte, der war dagegen, weil dem ja wieder das Geld fehlte. Als ich 14 Jahre alt war, sind wir nach Wuppertal gezogen. Ich bin dann einige Jahre in einer Achsenfabrik arbeiten gegangen. Meinem Vater fehlte jede Menge Geld, ich musste deshalb alles abgeben zu Hause, was ich verdient habe. Ich hatte ungefähr 40 bis 50 Mark im Monat. Und samstags habe ich noch bei einem Spediteur gearbeitet, da kriegte ich für jedes gewaschene Auto 30 Mark. Damit mein Alter mir das nicht abnahm, habe ich das dann mit meinen Freunden am Wochenende auf den Kopf gehauen. Das war natürlich immer ein Kampf, wenn die mich zu Hause abgeholt haben, um in die Diskothek zu fahren, denn mein Vater wollte ja nicht, dass ich weggehe. Er wollte uns immer alle schön beieinander haben. Nur er, er durfte immer alles. Mein Sohn sollte nicht merken, dass ich nicht lesen und schreiben kann Ich habe 1969 geheiratet und 1973 Nachwuchs gekriegt, einen Sohn. Da habe ich auch versucht, weiterzukommen mit dem Lesen und Schreiben. Ich beschloss, zur VHS zu gehen. Aber damals gab es dort noch keine geeigneten Kurse. Dann kam mein Sohn in die Schule, der hatte einen Übungskasten zum Lesen- und Schreibenlernen. Mit dem Übungskasten meines Sohnes habe ich dann ganz in Ruhe geübt, da klappte das dann auch ganz gut. Mein Sohn sollte nicht merken, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Ihm gegenüber wollte ich das verschweigen, dass ich ein Analphabet bin, oder wie man heute sagt, ein Legastheniker. Schließlich hat sie für mich angerufen. Vor drei Jahren habe ich dann im Fernseher den Millowitsch gesehen. Der hat erzählt über Leute, die nicht lesen und schreiben können und über die Möglichkeit, Kurse zu besuchen. Es wurden Telefonnummern von Aachen, Köln und Wuppertal gezeigt.'Das müsste doch was sein!' sagte ich zu meiner Frau. Die Telefonnummer hatte ich mir aufgeschrieben und gemerkt. Meine Frau hat mich damals jeden Tag gefragt: "Na, hast du angerufen?" Aber ich hatte Hemmungen, dort anzurufen. Schließlich hat sie für mich angerufen. Es hat sich sehr viel verändert Seitdem ich den Kurs besuche, hat sich sehr viel geändert. Ich kam
ja mit Null hier an. Jetzt klappt das mit dem Lesen und Schreiben schon ganz gut. Ich lasse mir Zeit. So peu à peu geht es auch voran, ich mache mir nicht so einen Druck, ich lasse mir Zeit. Mit Gewalt geht eben nichts. Ich kann z. B. meine Tasche nach dem Kurs in die Ecke stellen und sie erst zum nächsten Unterrichtstermin wieder hervorholen. Denn zu Hause sind ja auch noch viele andere Sachen, die geregelt werden müssen. Und da gibt es auch Dinge, so wie D und T, die begreife ich einfach nicht. Schreibarbeiten mache ich heute eher selber Schreibarbeiten mache ich heute eher selber, z. B. eine Urlaubskarte auf der Arbeit
ausfüllen. Dann nehme ich mir eine Kopie von dem Urlaubsschein und schreibe alles ab. Die
Abteilung z. B., "Lackiererei" ist ja ein ziemlich langes Wort. Angst, entdeckt zu werden Angst, mit meinen Schwierigkeiten entdeckt zu werden, habe ich nicht mehr, ich glaube, dafür bin ich schon
zu weit. Als wir einmal durch die Stadt gegangen sind mit dem Kurs, da habe ich meinen
Notizblock rausgeholt und alles aufgeschrieben, da waren die Hemmungen weg.
Ich will mitreden können Verändern will
ich eigentlich nichts. Es gibt so viele, die was verändern wollen und die damit auf die
Nase fallen. Beruflich kann ich das, was ich hier lerne, nicht mehr einsetzen, dafür bin
ich schon zu alt. Ich glaube auch nicht, daß ich im Leben noch einen großen Sprung
machen könnte, dafür bin ich schon zu tief gesunken. Jetzt kann ich mich gerade so über
Wasser halten, und da bleibe ich auch.
Aus: Monika Tröster (Hrsg.): Lebensgeschichten aus Ost und West, Reinheim 1994, S. 123ff . |