Fallbeispiel Rolf

Mit Gewalt geht eben nichts!

Rolf E., 44 Jahre, seit 3 Jahren in einem 'Lesen und Schreiben'-Kurs.

Ich bin vaterlos zur Welt gekommen. Das war zur damaligen Zeit so üblich, denn die meisten Väter waren ja im Krieg. Die ersten sieben Jahre, also bis zum 2. Schuljahr ungefähr, war ich alleine mit meiner Mutter und meiner Großmutter. Meine Großmutter war Italienerin. Zu Hause wurde nur italienisch gesprochen, draußen auf der Straße nur deutsch. Man konnte mir aber nicht anhören oder ansehen, dass ich Italiener war. Als ich 8 Jahre alt war, hat meine Mutter geheiratet. Da kriegte ich einen Vater, aber das war keiner, das war ein Unmensch! Ich hab mich erst gefreut, als der kam. Der hatte so ein Motorrad. Damit kam er immer, hat ein paar Worte gesprochen mit meiner Mutter und ist dann mit ihr weggefahren. Ich blieb mit meiner Oma alleine. Wenn er wiederkam, setzte er sich auf die Holzkiste bei uns zu Hause, und ich habe mich neben ihn gesetzt. Ich kannte das ja nicht, so einen Ledermantel und so eine komische Ledermütze. Ich habe mich schon dafür interessiert.

Ich hatte ein unheimlich schlechtes Elternhaus.

Meine Mutter ist mit meinem Stiefvater nach der Hochzeit weggezogen. Wo die dann gewohnt haben, weiß ich gar nicht. Ich hatte auch noch eine kleine Schwester, die haben sie aber mitgenommen. Ich blieb alleine bei meiner Oma. Eines Tages haben die mich dann geholt, und wir sind nach Nümbrecht ins Oberbergische gezogen.
Mein Vater hat mich unheimlich oft verprügelt. Das ging so bis zum 14. Lebensjahr, dass es mir so dreckig ging. Als meine Schwester größer wurde, hat er die auch geschlagen und meine Mutter auch. Da war immer etwas los zu Hause, da flogen die Brocken.
Selbst als ich schon arbeiten ging, kam er noch hinter mir her und wollte mich verprügeln. Da bin ich in die Küche gerannt und habe unser langes Fleischmesser geholt und ihn gefragt: "Was willst Du eigentlich? Komm doch her."

Die letzte Prügel habe ich zwei Tage vor der Verlobung gekriegt. Als ich älter wurde, habe ich gemerkt und auch gehört, dass der noch andere Frauen hatte neben meiner Mutter. Und dadurch ist der meiste Streit gekommen. Ich saß dann mit meiner Schwester immer in der Mitte.

Und das ist ein A!

1953 bin ich in die Schule gekommen, da klappte das schon nicht so richtig. Zuerst haben wir nur Stöckchen und gerade Striche auf die Tafel gemalt und Streichhölzer gelegt zum Rechnen. Das ging eigentlich. Aber dann das 2. Schuljahr, das klappte nicht so, wie es sollte, da musste ich dann zurück ins 1. Schuljahr. Eines Tages, meine Mutter war nicht zu Hause, hatte mein Vater einen Brief von der Schule gekriegt. Ich kam nach Hause, da war er schon so komisch. Er raste durch die Bude und rief: "HoI mal deine Schulsachen raus! Jetzt liest du mir mal was vor!" Es kam dann natürlich nichts bei mir raus. Da knallte er mir eine an den Kopf und brüllte: "Und das ist ein A, das ist ein B und das ist ein C!" Und dann ging das immer so weiter. "So, und jetzt noch einmal!" Und dann hat er mich verprügelt, bis ich grün und blau war.
Die Nachbarin schellte bei uns und fragte, was denn los sei. Da hat er die aber irgendwie angelogen, und sie ging dann wieder. Ich konnte vor lauter Schmerzen nicht mehr sitzen, so weh tat das. In der Schule hatten die mir nichts von diesem Brief gesagt.

Was die aufgebaut haben mit mir, das hat der Alte wieder umgeschmissen.

Wenn ich Hausaufgaben machen wollte und mein Vater im Hause war, gab es immer Theater. Der war ja immer am Zanken, entweder mit mir, mit meiner Mutter oder mit meinen Schwestern (ich hatte inzwischen noch eine Schwester gekriegt). Was meinst du, was ich Angst hatte in der Schule, wenn ich etwas machen musste und der Lehrer stand hinter mir. Da hatte ich richtig Schweiß in den Fingern und auch die Hose etwas nass, so fertig war ich. Das ging so bis zum 14., 15. Lebensjahr. Dabei hatte ich eigentlich ein gutes Verhältnis zu meinen Lehrern. Aber das war so: Was die aufgebaut haben mit mir, das hat der Alte wieder umgeschmissen. Ich war total fertig. Mit dem konnte man auch nicht reden, wenn man mal Probleme hatte. Und meine Mutter war auch ängstlich, was Probleme anging.

Aber der Alte, der war dagegen!

Mein Lehrer wollte mich eigentlich auf die Sonderschule schicken, aber mein Alter war dagegen. Das wäre ja auch teurer gewesen, weil ich zur Sonderschule mit dem Bus hätte fahren müssen. Mein Alter hat dann meinem Lehrer gesagt: "Nee, nee, was der bei euch nicht lernt, das lernt er woanders auch nicht." An dem Tag, als ich aus der Schule entlassen wurde, ich war 14 Jahre alt, habe ich mich dafür interessiert, bildungsmäßig weiterzukommen. Ich bin zum Pastor gegangen und habe ihn gefragt, ob er nicht etwas für mich tun könnte. Ich dachte, der kennt ja katholische Schulen und kann mich doch nicht einfach arbeiten schicken. ,Tja' sagte der Pastor, da muss ich erst mal mit deiner Mutter sprechen!' Meine Mutter war eigentlich dafür, dass ich weiter zur Schule gehe, aber der Alte, der war dagegen, weil dem ja wieder das Geld fehlte. Als ich 14 Jahre alt war, sind wir nach Wuppertal gezogen. Ich bin dann einige Jahre in einer Achsenfabrik arbeiten gegangen. Meinem Vater fehlte jede Menge Geld, ich musste deshalb alles abgeben zu Hause, was ich verdient habe. Ich hatte ungefähr 40 bis 50 Mark im Monat. Und samstags habe ich noch bei einem Spediteur gearbeitet, da kriegte ich für jedes gewaschene Auto 30 Mark. Damit mein Alter mir das nicht abnahm, habe ich das dann mit meinen Freunden am Wochenende auf den Kopf gehauen. Das war natürlich immer ein Kampf, wenn die mich zu Hause abgeholt haben, um in die Diskothek zu fahren, denn mein Vater wollte ja nicht, dass ich weggehe. Er wollte uns immer alle schön beieinander haben. Nur er, er durfte immer alles.

Mein Sohn sollte nicht merken, dass ich nicht lesen und schreiben kann

Ich habe 1969 geheiratet und 1973 Nachwuchs gekriegt, einen Sohn. Da habe ich auch versucht, weiterzukommen mit dem Lesen und Schreiben. Ich beschloss, zur VHS zu gehen. Aber damals gab es dort noch keine geeigneten Kurse. Dann kam mein Sohn in die Schule, der hatte einen Übungskasten zum Lesen- und Schreibenlernen. Mit dem Übungskasten meines Sohnes habe ich dann ganz in Ruhe geübt, da klappte das dann auch ganz gut. Mein Sohn sollte nicht merken, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Ihm gegenüber wollte ich das verschweigen, dass ich ein Analphabet bin, oder wie man heute sagt, ein Legastheniker.

Schließlich hat sie für mich angerufen.

Vor drei Jahren habe ich dann im Fernseher den Millowitsch gesehen. Der hat erzählt über Leute, die nicht lesen und schreiben können und über die Möglichkeit, Kurse zu besuchen. Es wurden Telefonnummern von Aachen, Köln und Wuppertal gezeigt.
'Das müsste doch was sein!' sagte ich zu meiner Frau. Die Telefonnummer hatte ich mir aufgeschrieben und gemerkt. Meine Frau hat mich damals jeden Tag gefragt: "Na, hast du angerufen?" Aber ich hatte Hemmungen, dort anzurufen. Schließlich hat sie für mich angerufen.

Es hat sich sehr viel verändert

Seitdem ich den Kurs besuche, hat sich sehr viel geändert. Ich kam ja mit Null hier an. Jetzt klappt das mit dem Lesen und Schreiben schon ganz gut.
Ich teste mich auch schon mal selber, wenn Lkws an mir vorbeifahren. Dann versuche ich die Namen der Speditionen zu entziffern, die sind ja besonders groß geschrieben. Und ich kann mich heute auch an Schildern orientieren, das ging früher alles nicht.
Ich bin auch nicht mehr so scheu wie früher. Früher habe ich irgendwas gesagt und denjenigen nicht angeguckt. Heute sage ich etwas und kann die Leute dabei anschauen. Jetzt bin ich viel selbstsicherer geworden.
Ich will unbedingt einen Angelschein machen. Ich bin sehr viel am Wasser. Ich habe mir gedacht, dann hast du in einer Hand deine Angel, in der anderen Hand ein Buch. Das merkt ja dann keiner, was du liest, z. B. so Übungsbücher, wie wir sie im Kurs benutzen, denn Angler darf man ja bekanntlich nicht stören. Das Angeln stell ich mir unheimlich beruhigend vor. Zu Hause hat man oft nicht so die Ruhe, die man zum Lesen braucht.

Ich lasse mir Zeit.

So peu à peu geht es auch voran, ich mache mir nicht so einen Druck, ich lasse mir Zeit. Mit Gewalt geht eben nichts. Ich kann z. B. meine Tasche nach dem Kurs in die Ecke stellen und sie erst zum nächsten Unterrichtstermin wieder hervorholen. Denn zu Hause sind ja auch noch viele andere Sachen, die geregelt werden müssen. Und da gibt es auch Dinge, so wie D und T, die begreife ich einfach nicht.

Schreibarbeiten mache ich heute eher selber

Schreibarbeiten mache ich heute eher selber, z. B. eine Urlaubskarte auf der Arbeit ausfüllen. Dann nehme ich mir eine Kopie von dem Urlaubsschein und schreibe alles ab. Die Abteilung z. B., "Lackiererei" ist ja ein ziemlich langes Wort.
Meinen Namen und meine Adresse kann ich alleine schreiben. Wir haben auch eine Tafel zu Hause. Da schreibe ich dann immer drauf, wo ich hingehe oder ob der Hund schon vorschriftsmäßig versorgt ist. Schreibarbeiten, die zu Hause anfallen, macht eher meine Frau. Die holt sich dann die Schreibmaschine raus und legt los, da brauche ich das dann nicht machen. Mein Frau freut sich, dass ich den Mut noch habe, einen Kurs zu besuchen. Die unterstützt mich sehr, wenn ich ein Problem habe. Wenn ich etwas schreiben will und das haut nicht hin, dann hilft sie mir dabei.

Angst, entdeckt zu werden

Angst, mit meinen Schwierigkeiten entdeckt zu werden, habe ich nicht mehr, ich glaube, dafür bin ich schon zu weit. Als wir einmal durch die Stadt gegangen sind mit dem Kurs, da habe ich meinen Notizblock rausgeholt und alles aufgeschrieben, da waren die Hemmungen weg.
Ich habe sogar meinem Sohn von meinem Problem mit dem Lesen und Schreiben erzählt. Er guckte mich nur an und ging dann auf sein Zimmer. Da wurde dann nicht weiter drüber gesprochen. Heute, wo ich Kurse in der VHS besuche, fragt er mich schon mal: "Na, fährst du heute abend wieder nach Elberfeld?"
Mehr sagt er dazu nicht. Es weiß aber trotzdem außer meiner Familie und den Leuten aus dem Kurs niemand etwas von meinen Schwierigkeiten. Wenn mich ein Arbeitskollege in der VHS sehen würde und nachfragen würde, was ich dort mache, dann würde ich sagen, dass ich einen Deutschkurs besuche, weil ich als Ausländer ja Deutsch lernen muss. Oder ich würde eine andere Ausrede finden. Man muss regelmäßig kommen, sonst bringt das alles nichts. Früher war ich viel wehleidiger als heute. Ich komme heute sogar mit Migräne. Wenn ich dann erst mal im Kurs bin, dann geht es auch besser, und ich bin froh, dass ich doch hingegangen bin. Man muss regelmäßig kommen, sonst bringt das alles nichts. Außerdem sind die Gruppen auch sehr klein, und wenn dann von fünf Leuten drei nicht kommen, dann ist das ja auch blöd. Ich habe zu Hause alles so eingerichtet, dass ich dienstags und donnerstags immer kommen kann. Und ab dem nächsten Jahr sind es sogar drei Abende in der Woche, an denen ich in die VHS fahre, weil ich ja dann auch noch den Führerscheinkurs machen will. Ich hätte auch schon früher gern damit angefangen, aber das kostet ja eine Menge Geld. Jetzt haben wir das so eingerichtet, dass es möglich ist.

Ich will mitreden können

Verändern will ich eigentlich nichts. Es gibt so viele, die was verändern wollen und die damit auf die Nase fallen. Beruflich kann ich das, was ich hier lerne, nicht mehr einsetzen, dafür bin ich schon zu alt. Ich glaube auch nicht, daß ich im Leben noch einen großen Sprung machen könnte, dafür bin ich schon zu tief gesunken. Jetzt kann ich mich gerade so über Wasser halten, und da bleibe ich auch.
Aber ich will mitreden können, nicht immer in die Ecke gedrückt werden nach dem Motto, der hat ja sowieso keine Ahnung. Das will ich damit unterbinden. Mitreden und nicht immer als Dummer rumlaufen, das will ich erreichen. Den Kurs will ich bis ins hohe Alter noch besuchen. Was man da mal gelernt hat, das verlernt man auch nicht so schnell wieder.

Aus: Monika Tröster (Hrsg.): Lebensgeschichten aus Ost und West, Reinheim 1994, S. 123ff .