Fakten und Zahlen über Alphabetisierung und Grundbildung

"Die Bundesrepublik Deutschland ist als Industrieland mit einem hoch entwickelten und hoch differenzierten Bildungssystem mit dem Problem des funktionalen Analphabetismus konfrontiert: Es gibt Menschen in unserem Land, die trotz Schulbesuchs nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben gelernt haben. Seit Beginn der 80er Jahre gibt es die Alphabetisierung/Grundbildung als Praxisfeld der Erwachsenenbildung. Anfangs schien es sowohl für Bildungspolitiker als auch für die Öffentlichkeit undenkbar, daß dieses Phänomen existierte. Auch heute noch scheint Analphabetismus vielfach ein Tabuthema zu sein. Die Betroffenen verbergen aus Angst und Scham ihre Problematik, da sie Diskriminierung fürchten. Von daher bilden die Öffentlichkeitsarbeit, das Informieren über die Thematik sowie das Sensibilisieren für die besondere Problem- und Bedürfnislage der Betroffenen wesentliche und dauerhafte Bestandteile der Alphabetisierungsarbeit."

Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikationen (NET)", 11/99, S. 1.

 

Primärer Analphabetismus

"Wer als AnalphabetIn gilt, ist in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen unterschiedlich. Daher ist es wichtig, sich jeweils mit der zugrundeliegenden Definition vertraut zu machen. Andernfalls kommt es schnell zu Mißverständnissen und Fehlschlüssen. Unter primären AnalphabetInnen werden Menschen verstanden, die die Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht erlernt haben, weil sie nie zur Schule gegangen sind. Dies trifft zwar vor allem auf die Länder der sogenannten Dritten Welt zu, jedoch werden wir auch in der Bundesrepublik Deutschland zunehmend damit konfrontiert dadurch, daß hier ImmigrantInnen leben, die Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache nicht gelernt haben und zudem nicht die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen. Um eine doppelte Benachteiligung zu vermeiden, gilt es, spezielle Hilfsangebote zu entwickeln."

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 6.

 

Funktionaler Analphabetismus in den Industrieländern

"Im Vergleich dazu handelt es sich bei den Industrieländern in der Regel um funktionalen Analphabetismus; die betroffenen Personen haben eine Schule besucht und wurden während des Schulbesuchs als (teil-)alphabetisiert angesehen. Die Probleme im Schriftsprachbereich werden meist nach Verlassen der Schule erst richtig deutlich und auch den Betroffenen in ihrem Ausmaß dann wirklich bewußt, wenn sie in Situationen mit Schriftsprachanforderungen scheitern. Dieses Phänomen des unzureichend Lesen- und Schreiben-Könnens wird in seiner Bedeutung für die Betroffenen und die Gesellschaft in verschiedenen Definitionen zu fassen versucht."

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 6.

 

Definitionen

"1979 definierte die 20. UNESCO-Generalkonferenz den funktionalen Analphabeten als eine Person, die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Bezugsgruppe, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, nicht beteiligen kann. Eine solche Person kann diese Kulturtechniken weder für ihre eigene Entwicklung noch für die ihrer Gesellschaft nutzen.1
Drecoll formuliert: ‘Funktionaler Analphabetismus bedeutet die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen.’2 Döbert-Nauert erweitert diese Definition um das eigene Tun: ‘Funktionale Analphabeten sind diejenigen Menschen, die aufgrund unzureichender Beherrschung der Schriftsprache und/oder aufgrund der Vermeidung schriftlicher Eigenaktivität nicht in der Lage sind, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen.’3 "

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 6f.

 

Situation der Betroffenen

"Funktionale Analphabeten verfügen nicht über ausreichende Lese-, Schreib- oder Rechenkompetenzen, um in unserer Gesellschaft zu bestehen bzw. zu funktionieren. Normabweichungen werden extrem negativ sanktioniert; nur wer richtig schreiben kann, wird akzeptiert. Die menschlichen Einzelschicksale der Betroffenen, ihre Nöte und ihre Probleme, werden zumeist nicht wahrgenommen. Analphabetismus geht oftmals einher mit sozialer Isolation und sozialer Diskriminierung.
Um ihren Alltag zu meistern, entwickeln die Betroffenen vielfältige Bewältigungsstrategien, die zum Teil hohe Kompetenzen abverlangen. Interessant ist, daß sich die Betroffenen ihrer Fähigkeiten selbst nicht bewußt sind. Somit kommt der Anerkennung und Förderung dieser Ressourcen ein besonderer Stellenwert bei der Überwindung der Schwierigkeiten zu."

Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikation (NET)", II/99, S. 1.

 

Rückblick

"Um nachzuvollziehen, wie das Problem des Analphabetismus in der BRD ‘entdeckt’ wurde, ist ein kurzer Rückblick aufschlußreich. Als in den 70er Jahren durch neue Technologien einfache Arbeitsplätze wegfielen und die Arbeitslosigkeit rapide anstieg, wurde man auf das Phänomen aufmerksam. Eine zunehmend wachsende Zahl von Personen wurde aufgrund unzureichender Lese- und Schreibkenntnisse zum Verlierer auf dem Arbeitsmarkt und mußte sich mit ihren vorhandenen Lese- und Schreibschwierigkeiten auseinandersetzen. Die Situation nach der Wende in den neuen Bundesländern enthält viele Parallelen zu dieser Phase in den alten Ländern.

In einigen Bildungseinrichtungen und -initiativen wurden Ende der 70er Jahre erste Alphabetisierungskurse für Betroffene angeboten. Seit Beginn der 80er Jahre wurden bundesweite Projekte zur Entwicklung der Alphabetisierung und Elementarbildung durchgeführt, die eine enorme Wirkung zeigten.4

In der lnitialphase der Projektarbeit wurde die Thematik Alphabetisierung und Elementarbildung mit den Weiterbildungseinrichtungen, der Bildungsverwaltung, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit offen diskutiert und im wesentlichen positiv aufgenommen. Das ‘Medienverbundprogramm Alphabetisierung’ trug dazu bei, die Öffentlichkeit für das bisher unbekannte Problem zu sensibilisieren und Betroffene zur Teilnahme an Kursen zu motivieren.5

Während der Projektlaufzeiten konnten Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß an Weiterbildungseinrichtungen, vor allem an Volkshochschulen, ein flächendeckendes Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangebot aufgebaut wurde. Es wurden Kurs- und Beratungskonzepte entwickelt, die heute noch erfolgreich umgesetzt werden. Das Erforschen der Entstehungsbedingungen von Analphabetismus bewirkte ein besseres Verstehen der Betroffenen und trug dazu bei, adäquate Förderungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Seit den Anfängen der Alphabetisierung ist in der Bundesrepublik Deutschland - bezogen sowohl auf die alten als auch auf die neuen Länder - viel geleistet worden.1 Kursangebote im Bereich Alphabetisierung und auch im Bereich Elementarbildung wurden zu einem wichtigen Bestandteil der Bildungsarbeit in den Erwachsenenbildungseinrichtungen."

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 7ff.

 

Gesellschaftliche Strukturen und Alphabetisierung / Grundbildung

"Aufgrund der strukturellen und tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt ist es in den letzten Jahren zu einer Verschärfung der gesamtgesellschaftlichen Situation gekommen, was für den Bereich Alphabetisierung und Elementarbildung eine zusätzliche Brisanz bedeutet:

  • Die gestiegenen Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt verlangen neue inhaltliche und formale Qualifikationen, um einen Arbeitsplatz zu finden bzw. die Weiterbeschäftigung zu sichern. Dies gilt zunehmend für alle Arbeitsbereiche, auch für ungelernte oder Hilfsarbeitertätigkeiten.
  • Für eine erfolgreiche Teilnahme an Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen werden Grundqualifikationen sowie soziale und personale Kompetenzen vorausgesetzt.
  • Die Halbwertzeit des Wissens verkürzt sich immer mehr. Die lnformationsfülle und auch die Komplexität nehmen zu, was ein hohes Maß an Kompetenzen und Flexibilität erfordert. Werden diese Standards nicht erfüllt, bedeutet das oftmals Arbeitsplatzverlust oder gesellschaftliche Ausgrenzung.
  • Der Wandel zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft verändert die Kommunikationsprozesse grundlegend durch neue Technologien. Ein Mindestmaß an ‘Medienkompetenz’ wird mehr und mehr zur Norm. Es wird angenommen, daß etwa 20% der Erwachsenen in der Bundesrepublik am Fuße der ‘Chancen-, Wohlstands- und Bildungspyramide’ zurückbleiben und ,,von der Entwicklung überfordert und abgehängt werden"2. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, daß Analphabetismus nicht als isoliertes Problem anzusehen, sondern - ähnlich wie das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit - in einen größeren bildungspolitischen Zusammenhang einzuordnen ist. ‘Der wachsende Analphabetismus ist deutliches Symptom für eine tiefere und eine umfassendere Bildungskrise’3. Der Ruf nach einer neuen Elementarbildung für Erwachsene wird laut."

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 11f.

 

Aktuelle internationale Studie

"Seit Mitte der 90er Jahre ist eine interessante Entwicklung zu verzeichnen. Es sind Berichte und Studien erschienen, die sich mit dem Zusammenhang von ‘Alphabetisierung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit’ befassen. So wird in einem OECD/CERI-Bericht zum Beispiel empfohlen, in den hochentwickelten Ländern ‘breite Koalitionen’ für eine Ausweitung von Alphabetisierungsprogrammen zu bilden und dabei die Politik, die Wirtschaft und auch die Gewerkschaften einzubeziehen. Eine derartige Kooperation steht in der Bundesrepublik Deutschland bislang noch aus. Jedoch sind erste Schritte zu verzeichnen. Das DIE-Projekt ‘Netzwerk Grundqualifikationen’ hat die vorhandenen Strukturen genutzt, die Kontakte systematisiert und somit die Vernetzung vorangetrieben. Es wurden Runde Tische initiiert, um einen Erfahrungsaustausch in Gang zu setzen und Maßnahmen zu entwickeln. Inzwischen ist dieses Vorgehen auch in einigen Bundesländern - z.B. in Berlin - übernommen worden. Das neue DIE-Projekt ‘Entwicklung konzeptioneller Elemente einer berufsorientierten Alphabetisierung/Grundbildung sowie Entwicklung begleitender Fortbildungsmodule’ wird die Vernetzungsarbeit weiterführen.

Für lebhafte Diskussionen um das ‘Bildungsniveau’ sorgten die Ergebnisse einer ersten internationalen Untersuchung von Grundqualifikationen Erwachsener, an der insgesamt sieben Industrieländer beteiligt waren. Der Titel der Studie lautet: ‘Grundqualifikationen, Wirtschaft und Gesellschaft’, herausgegeben von der OECD und Statistics Canada (1995 - engl. Fassung, 1998 - dt. Fassung). Der Begriff ‘Grundqualifikationen’ wird definiert als ‘die Verwendung von gedruckten und geschriebenen Informationen, um in der Gesellschaft zurechtzukommen, eigene Ziele zu erreichen und eigenes Wissen sowie die individuellen Möglichkeiten zu entwickeln.’ Diese Studie - so interessant sie insgesamt ist - ist keine Untersuchung zum funktionalen Analphabetismus; die Ergebnisse lassen allenfalls Rückschlüsse zu. Allerdings zeigt sie sehr deutlich die Komplexität der schriftsprachlichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft.

In der Definition wird eine große Bandbreite an Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung zusammengefaßt. Zur Ermittlung der Daten hat man drei Bereiche gebildet:

  1. Umgang mit Texten: Informationen aus Texten - wie z.B. Zeitungsartikel, Verbraucherhinweise - verstehen und nutzen bzw. anwenden können.


  2. Umgang mit schematischen Darstellungen: in Darstellungen - wie z.B. Stellenanzeigen, Gehaltsabrechnungen, Fahrpläne, Tabellen, Karten und Graphiken - enthaltene Informationen verstehen und nutzen können.


  3. Umgang mit Zahlen: grundlegende Rechenoperationen - z.B. beim Umgang mit Rechnungen, Bankbelegen oder Zinsberechnungen - anwenden können.
Man hat für die Auswertung jede Aufgabenart in fünf Niveaustufen (levels) unterteilt; dabei ist das Niveau 1 das niedrigste und das Niveau 5 das höchste. Bei dem Bereich ‘Umgang mit Texten’ ergibt sich für Deutschland, daß 14,4 % der getesteten Personen dem Niveau 1 zuzuordnen sind. Wieviel Prozent nicht einmal den Anforderungen der Stufe 1 nachkommen konnten, ist damit nicht festgestellt.
Untersucht worden ist also die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung, die die Fähigkeit des Lesens bereits voraussetzt, nicht die Lesefähigkeit selbst. Das Schreiben bzw. die Schreibkompetenz ist nicht getestet worden."

Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikationen (NET)", II/99, S. 2.

 

Ausblick

"Der Erhalt des Bereichs Alphabetisierung und Elementarbildung stellt eine Herausforderung an unsere Gesellschaft dar. Im Gegensatz zum Anfang der 80er Jahre, als Alphabetisierung im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit erstmalig thematisiert wurde, hat sich die Situation grundlegend verändert bzw. verschärft. Das Neue, das Besondere von gestern ist zu einem Dauerthema, einer Daueraufgabe geworden. Hinzu kommt, daß grundlegende strukturelle Veränderungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt geschehen; die Entwicklungen sind rasant.
Wenn das Prinzip der Gleichheit gewahrt werden soll, so kommt dem Recht auf Bildung eine besondere Bedeutung zu. Das bereits 1980 geforderte ‘Recht auf Lesen’ ist eine Grundvoraussetzung zur Partizipation an unserer Gesellschaft.1 Hier ist der Staat gefordert, allen Bürgerlnnen Zugang zur Weiterbildung zu ermöglichen."

Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 80.

 

Zum Stand der Alphabetisierung und Elementarbildung

"Im Mai 1994 ist im Rahmen des vom BMBF geförderten DIE-Projekts ‘Entwicklung und Erprobung von Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangeboten in den neuen Bundesländern’ eine Erhebung durchgeführt worden, um den Stand der Alphabetisierung und Elementarbildung in der Bundesrepublik Deutschland zu ermitteln. Die Ergebnisse sind in einer Publikation veröffentlicht.2
Für die Erstellung des vorliegenden Verzeichnisses sind ebenfalls - jedoch in kleinerem Umfang - Daten zur Praxis der Alphabetisierung und Elementarbildung erhoben worden. Da die Erhebungen hinsichtlich Methode, Umfang, Intention und Rücklaufquote sehr unterschiedlich sind, wird auf einen Vergleich verzichtet.


Angaben zur Durchführung der Befragung

Im Rahmen der Erstellung dieses Verzeichnisses bot es sich an, eine Befragung durchzuführen, um die Broschüre quantitativ und qualitativ anzureichern und um einen Überblick über die in der Alphabetisierung und Elementarbildung tätigen Einrichtungen mit ihren Angeboten und Arbeitsschwerpunkten geben zu können. Bereits im Vorfeld sind die Einrichtungen in zwei Kategorien unterteilt worden, in Service-Einrichtungen und in Weiterbildungsanbieter.
Zu den Service-Einrichtungen zählen die Einrichtungen, die Serviceleistungen wie Beratung von Institutionen, Fortbildung, Konzeptionen und/oder Publikationen anbieten. Die Weiterbildungsanbieter umfassen Institutionen, Vereine, Initiativen etc., die der Praxis zuzurechnen sind; sie führen Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangebote durch.
Für die beiden Kategorien sind unterschiedliche Fragebogen entwickelt worden.
Bevor die Ergebnisse dargestellt werden, soll kurz auf die Durchführung der Befragung eingegangen werden. Postalisch versendet wurden im März/April 1996 insgesamt 1261 Fragebogen, 1196 an Weiterbildungsanbieter und 65 an Service-Einrichtungen.
Von den Weiterbildungsanbietern haben insgesamt 514 Einrichtungen geantwortet (43%). Von den zurückgesandten Fragebogen konnten einige nicht berücksichtigt werden. Es wurde zum Beispiel mitgeteilt, dass im Bereich Alphabetisierung aufgrund finanzieller Kürzungen oder wegen mangelnder Nachfrage Angebote gestrichen worden seien, dass man nicht aktiv sei oder dass man bei größerem Bedarf Kurse anbieten würde. Es gab auch Rücksendungen, die lückenhaft ausgefüllt waren. Insgesamt konnten 429 Weiterbildungsanbieter berücksichtigt werden, was einer Rücklaufquote von 36 % entspricht.
Von den 65 angeschriebenen Service-Einrichtungen haben insgesamt 59 geantwortet; das ist eine Rücklaufquote von 90 %. Die Antworten konnten alle berücksichtigt werden.
Insgesamt sind 488 Einrichtungen in dem Verzeichnis enthalten, die in der Bundesrepublik Deutschland im Bereich Alphabetisierung und Elementarbildung bzw. Grundbildung tätig sind, davon entfallen 59 auf Service-Einrichtungen und 429 auf Weiterbildungsanbieter. Der Bereich Alphabetisierung/ Elementarbildung hat in der Bundesrepublik einen hohen Grad an Institutionalisierung erreicht.

Ergebnisse der Befragung bei den Service-Einrichtungen

Da es sich bei den 59 Service-Einrichtungen nur um eine relativ kleine Gruppe und zudem um sehr unterschiedliche Einrichtungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Arbeitsschwerpunkten handelt, ist keine quantitative Auswertung vorgenommen worden.
Zu den Serviceleistungen zählen in erster Linie die Qualifizierung des pädagogischen Personals, die Entwicklung von Konzepten sowie die Erstellung von Materialien und Publikationen.3
Bei einem Vergleich mit dem Verzeichnis von 1990 fällt auf, dass ‘Öffentlichkeitsarbeit’ für die Einrichtungen zu einem wichtigen Bestandteil der Angebote bzw. zu einer Daueraufgabe geworden ist. Während 1990 verstärkt Projekte aufgeführt waren, geben die Einrichtungen sehr differenzierte Arbeitsschwerpunkte an, die sich zum Teil aus früheren Projekten ergeben haben, nun aber als Aufgaben in die Angebote der Einrichtungen aufgenommen worden sind. Das lässt den Schluss zu, dass sich wichtige Aufgaben der Alphabetisierung durchgesetzt haben. Die Herausforderung besteht nun darin, sie dauerhaft zu sichern.

Ergebnisse der Befragung bei den Weiterbildungsanbietern

Bei den Weiterbildungsanbietern ist der Stand der Angebote inklusive der Teilnehmerlnnenzahlen ermittelt worden. Von Interesse waren das Kursangebot und Arbeitsschwerpunkte wie Beratung, Schreibhilfe, Fortbildung und das Erstellen von Unterrichtsmaterialien bzw. Medien. Im Folgenden sollen die Ergebnisse kurz vorgestellt werden.
Insgesamt bieten 429 Einrichtungen Alphabetisierungs- und Elementarbildungskurse an, davon 346 Volkshochschulen (80 %). Bei den Angeboten gibt es sowohl integrierte Angebote - wie zum Beispiel Alphabetisierung für Anfängerlnnen und Fortgeschrittene - als auch sehr differenzierte Angebotsformen, die mehrere Niveaustufen umfassen.
Kursangebote für AnalphabetInnen nicht-deutscher Muttersprache gibt es an 281 Einrichtungen (65 %). 225 Einrichtungen alphabetisieren in Deutsch (80 %), 56 in der Muttersprache (13 %). Kurse in türkischer Sprache stehen weit an der Spitze, gefolgt von Kurdisch, Arabisch, Russisch. Vertreten sind weiterhin Griechisch, Italienisch, Serbo-Kroatisch und Thai.
An 79 Einrichtungen gibt es Elementarbildung als separates Angebot (18 %). Die größte Bedeutung hat hier nach wie vor Rechnen. PC-Kurse folgen an zweiter Stelle. Weitere Angebote sind Deutsch im Alltag/Deutsch für den Beruf, Vorbereitung auf den Hauptschulabschlusskurs, Politik, Berufsvorbereitung, Verkehr, Lesegruppe, Lernen lernen, Schreibmaschine, Umgang mit Geld sowie Sexualerziehung. Die Nachfrage nach Bildungsangeboten, die über die Alphabetisierung hinausgehen, ist zur Zeit wieder im Steigen begriffen. Viele Teilnehmende sind gefordert, ihre Qualifikationen zu erweitern, wenn sie einen Arbeitsplatz finden bzw. ihn behalten wollen. Das Anforderungsprofil - auch in den sogenannten einfachen Berufen - verändert sich. Es ist davon auszugehen, dass sich die Nachfrage in diesem Bereich stark erweitern wird in Richtung Erwerb von Grundqualifikationen.


Tabelle 1: TeilnehmerInnen an Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangeboten

Land

TeilnehmerInnen gesamt

davon Alphabeti- sierung und Elementarbildung

davon Deutsch als Fremdsprache für AnalphabetInnen

Schleswig-Holstein

661

554

107

Hamburg

1148

938

210

Niedersachsen

2636

2290

346

Bremen

264

189

75

Nordrhein-Westfalen

6962

5599

1363

Hessen

1742

862

862

Rheinland-Pfalz

713

652

61

Baden-Württemberg

845

497

348

Bayern

888

599

289

Saarland

199

197

2

Berlin

2770

1823

947

Brandenburg

125

125

0

Mecklenburg-Vorpommern

438

262

176

Sachsen

388

225

163

Sachsen-Anhalt

385

281

104

Thüringen

181

38

143

Bundesrepublik Deutschland

20.327

15.131

5196

Bei den Teilnehmerlnnenzahlen ist eine deutliche Steigerung zu verzeichnen. 1987 besuchten nach einer Erhebung des DIE ca. 8700 TeilnehmerInnen Alphabetisierungskurse, und im Internationalen Alphabetisierungsjahr 1990 zählte man nach einer Umfrage der Deutschen UNESCO-Kommission ca. 13.500 TeilnehmerInnen. 1994 führte das DIE die bereits oben erwähnte Erhebung durch, die lediglich ca. 8100 TeilnehmerInnen ermittelte, davon ca. 7300 in den alten Ländern. Dieser Wert ist zum einen durch einen geringen Rücklauf zu erklären, zum anderen weist er auf eine Negativentwicklung hin. Das Auslaufen bundesweiter Projekte im Jahr 1988 sowie einschneidende Mittelkürzungen in den letzten vier Jahren bewirkten einen Angebotsrückgang.
Nach der Umfrage für dieses Verzeichnis besuchten im Jahr 1996 15.131 TeilnehmerInnen Alphabetisierungs- und Elementarbildungskurse. Darüber hinaus besuchten 5196 TeilnehmerInnen Alphabetisierungskurse für AusländerInnen und Migrantlnnen (s. Tabelle 1).

Auch wenn die Erhebungen und Umfragen, wie bereits weiter oben ausgeführt, nicht direkt miteinander vergleichbar sind, so ergibt sich jedoch wieder eine steigende Tendenz von TeilnehmerInnen.
Möglicherweise sind diese positiven Entwicklungen darauf zurückzuführen, dass das Thema seit dem Internationalen Weltalphabetisierungsjahr 1990, ausgerufen von den Vereinten Nationen, wieder verstärkt öffentliches Interesse erfährt. Die DIE-Projekte ‘Entwickeln und Erproben von Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangeboten in den neuen Bundesländern’ und ‘Distanzen überbrücken durch Dialog - Entwickeln gemeinsamer Perspektiven in der Alphabetisierung von Ost und West’ haben ebenfalls zu einer intensiveren Befassung mit der Problematik beigetragen. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Aktivitäten der Bundesarbeitsgemeinschaft Alphabetisierung e.V. zu verweisen.


Tabelle 2: Einrichtungen mit Schreibhilfe als Angebot

Land

Anzahl der Einrichtungen

Schleswig-Holstein

13

Hamburg

11

Niedersachsen

22

Bremen

2

Nordrhein-Westfalen

67

Hessen

17

Rheinland-Pfalz

13

Baden-Württemberg

17

Bayern

16

Saarland

3

Berlin

8

Brandenburg

0

Mecklenburg-Vorpommern

8

Sachsen

8

Sachsen-Anhalt

7

Thüringen

5

Bundesrepublik Deutschland

217

Erstmalig ist die Kategorie Schreibhilfe erhoben worden. Diese Serviceleistung, die zunächst von Schreibstuben oder Schreibhandlungen angeboten wurde, wird nun auch von 217 Weiterbildungsanbietern offeriert. Diese bieten vermehrt ihre Dienste an, wenn um Rat beim Ausfüllen von Formularen nachgesucht wird oder Hilfe beim Verfassen von Bewerbungen, Texten etc. oder auch persönlichen Schreiben nachgefragt wird. Einen genauen Überblick über die Verteilung gibt Tabelle 2.
Es ist davon auszugehen, dass durch diesen Service Betroffene auf Alphabetisierungskurse aufmerksam werden und der Einstieg in einen Kurs die Folge sein kann.
In der Alphabetisierungsarbeit hat sich sehr bald die Notwendigkeit von Beratung herausgestellt. Am DIE sind spezifische Konzepte für die Beratungsarbeit mit TeilnehmerInnen entwickelt worden, die in der Praxis umgesetzt werden. Man unterscheidet zwischen Eingangs- bzw. Erstberatung und kursbegleitender Beratung.
Von 429 Institutionen führen 363 Erstberatung (85 %) durch, und an 301 Einrichtungen (70 %) wird dann noch weiterhin kursbegleitende Beratung ermöglicht (s. Tabelle 3). Auch in den neuen Ländern, wo sich der Bereich Alphabetisierung noch im Aufbau befindet, wird dieses wichtige Prinzip bereits weitgehend umgesetzt. Beratung ist zu einem festen Bestandteil der Alphabetisierungsarbeit geworden. Beratungsarbeit muss ebenso wie die Kursarbeit angemessen honoriert werden.
Um die Qualität der Alphabetisierungsarbeit zu gewährleisten, ist die Qualifizierung des pädagogischen Personals eine notwendige Voraussetzung. Es gibt verschiedene bewährte Fortbildungsangebote wie Einführungsseminare, Methodenseminare, Workshops etc. Von den 429 aufgeführten Weiterbildungseinrichtungen bieten 92 (21 %) Institutionen Fortbildungen an.4 Leider ist eine rückläufige Tendenz zu vermerken. Die Angebotsmöglichkeiten werden aufgrund finanzieller Einsparungen stark reduziert, auch der zeitliche Rahmen wird eingeschränkt. Die Dauer der Veranstaltungen liegt oftmals bei drei bis vier Stunden, längerfristige Seminare sind kaum finanzierbar.


Tabelle 3: Einrichtungen mit Beratung als Angebot

Land

Eingangs- bzw. Erstberatung

kursbegleitende Beratung

Schleswig-Holstein

22

19

Hamburg

12

12

Niedersachsen

41

31

Bremen

2

2

Nordrhein-Westfalen

102

85

Hessen

27

22

Rheinland-Pfalz

20

21

Baden-Württemberg

33

27

Bayem

26

20

Saarland

6

5

Berlin

16

13

Brandenburg

8

5

Mecklenburg-Vorpommern

9

7

Sachsen

15

12

Sachsen-Anhalt

14

12

Thüringen

10

8

Bundesrepublik Deutschland

363

301

In der Alphabetisierung ist es typisch, für die Arbeit mit erwachsenen Analphabetinnen in den Kursen selbst Materialien und Medien zu erstellen. Manchmal bietet sich die Gelegenheit, von Kursteiterlnnen entwickelte und erprobte Materialien einer interessierten Fachöffentlichkeit weiterzugeben. So sind Materialien im Selbstverlag, in Kooperation mit Landesverbänden und teilweise auch in Verlagen - so zum Beispiel im Ernst Klett Verlag - erschienen. Von 429 Einrichtungen bieten 45 Institutionen, also nahezu 10 %, Materialien und Medien für die Alphabetisierungspraxis an. Auch aus den neuen Bundesländern liegen bereits veröffentlichte Kursmaterialien vor.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Wie die Ergebnisse der Befragung zeigen, hat der Bereich Alphabetisierung/Elementarbildung einen hohen Grad an Institutionalisierung erreicht. Trotz finanzieller Kürzungen und Kurseinbrüchen sind Alphabetisierung und Elementarbildung zu einer Daueraufgabe geworden, der sich die Erwachsenenbildung, die Bildungspolitik und die Gesellschaft nicht entziehen können.
Die gravierenden Veränderungen in unserer Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt sind für diesen Bildungsbereich von besonderer Brisanz.
Wenn es um Anpassung an Leistung, Wettbewerb, Forschung und Technologie geht, nimmt die Bedeutung der Grundqualifikationen im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu. Es ist davon auszugehen, dass die Nachfrage auf Teilnehmerseite in diesem Bereich steigen wird. Die der Alphabetisierung zugrundeliegenden Konzepte korrespondieren mit übergeordneten Bildungskonzepten wie zum Beispiel dem des lebenslangen Lernens.

Um die Angebote in diesem Grundbildungsbereich quantitativ und qualitativ aufrechtzuerhalten bzw. gemäß der steigenden Anforderungen zu erweitern, ist eine intensive Kooperation und Koordination aller beteiligten Institutionen, Verbände, Vereine, Initiativen etc. anzustreben. Gemeinsame Aktivitäten und Anstrengungen sind erforderlich, um eine notwendige Vernetzung zu bewirken."

Monika Tröster

Projektleiterin
Deutsches Institut für Erwachsenenbildung

Aus: Monika Tröster (Hrsg.): Alphabetisierung und Elementarbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Institutionenverzeichnis. Frankfurt a. M. 1997. S. 10-17.