Fakten und Zahlen über Alphabetisierung und Grundbildung
"Die Bundesrepublik Deutschland ist als Industrieland mit einem hoch entwickelten und hoch differenzierten Bildungssystem mit dem Problem des funktionalen Analphabetismus konfrontiert: Es gibt Menschen in unserem Land, die trotz Schulbesuchs nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben gelernt haben. Seit Beginn der 80er Jahre gibt es die Alphabetisierung/Grundbildung als Praxisfeld der Erwachsenenbildung. Anfangs schien es sowohl für Bildungspolitiker als auch für die Öffentlichkeit undenkbar, daß dieses Phänomen existierte. Auch heute noch scheint Analphabetismus vielfach ein Tabuthema zu sein. Die Betroffenen verbergen aus Angst und Scham ihre Problematik, da sie Diskriminierung fürchten. Von daher bilden die Öffentlichkeitsarbeit, das Informieren über die Thematik sowie das Sensibilisieren für die besondere Problem- und Bedürfnislage der Betroffenen wesentliche und dauerhafte Bestandteile der Alphabetisierungsarbeit." Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikationen (NET)", 11/99, S. 1.
"Wer als AnalphabetIn gilt, ist in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen unterschiedlich. Daher ist es wichtig, sich jeweils mit der zugrundeliegenden Definition vertraut zu machen. Andernfalls kommt es schnell zu Mißverständnissen und Fehlschlüssen. Unter primären AnalphabetInnen werden Menschen verstanden, die die Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht erlernt haben, weil sie nie zur Schule gegangen sind. Dies trifft zwar vor allem auf die Länder der sogenannten Dritten Welt zu, jedoch werden wir auch in der Bundesrepublik Deutschland zunehmend damit konfrontiert dadurch, daß hier ImmigrantInnen leben, die Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache nicht gelernt haben und zudem nicht die Sprache des Aufnahmelandes beherrschen. Um eine doppelte Benachteiligung zu vermeiden, gilt es, spezielle Hilfsangebote zu entwickeln." Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 6.
"Im Vergleich dazu handelt es sich bei den Industrieländern in der Regel um funktionalen Analphabetismus; die betroffenen Personen haben eine Schule besucht und wurden während des Schulbesuchs als (teil-)alphabetisiert angesehen. Die Probleme im Schriftsprachbereich werden meist nach Verlassen der Schule erst richtig deutlich und auch den Betroffenen in ihrem Ausmaß dann wirklich bewußt, wenn sie in Situationen mit Schriftsprachanforderungen scheitern. Dieses Phänomen des unzureichend Lesen- und Schreiben-Könnens wird in seiner Bedeutung für die Betroffenen und die Gesellschaft in verschiedenen Definitionen zu fassen versucht." Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 6.
"1979 definierte die 20.
UNESCO-Generalkonferenz den funktionalen Analphabeten als eine Person,
die sich an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer jeweiligen
gesellschaftlichen Bezugsgruppe, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen
erforderlich sind, nicht beteiligen kann. Eine solche Person kann diese
Kulturtechniken weder für ihre eigene Entwicklung noch für
die ihrer Gesellschaft nutzen.1
"Funktionale Analphabeten
verfügen nicht über ausreichende Lese-, Schreib- oder Rechenkompetenzen,
um in unserer Gesellschaft zu bestehen bzw. zu funktionieren. Normabweichungen
werden extrem negativ sanktioniert; nur wer richtig schreiben kann,
wird akzeptiert. Die menschlichen Einzelschicksale der Betroffenen,
ihre Nöte und ihre Probleme, werden zumeist nicht wahrgenommen.
Analphabetismus geht oftmals einher mit sozialer Isolation und sozialer
Diskriminierung. Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikation (NET)", II/99, S. 1.
"Um nachzuvollziehen, wie das Problem des Analphabetismus in der BRD entdeckt wurde, ist ein kurzer Rückblick aufschlußreich. Als in den 70er Jahren durch neue Technologien einfache Arbeitsplätze wegfielen und die Arbeitslosigkeit rapide anstieg, wurde man auf das Phänomen aufmerksam. Eine zunehmend wachsende Zahl von Personen wurde aufgrund unzureichender Lese- und Schreibkenntnisse zum Verlierer auf dem Arbeitsmarkt und mußte sich mit ihren vorhandenen Lese- und Schreibschwierigkeiten auseinandersetzen. Die Situation nach der Wende in den neuen Bundesländern enthält viele Parallelen zu dieser Phase in den alten Ländern. In einigen Bildungseinrichtungen und -initiativen wurden Ende der 70er Jahre erste Alphabetisierungskurse für Betroffene angeboten. Seit Beginn der 80er Jahre wurden bundesweite Projekte zur Entwicklung der Alphabetisierung und Elementarbildung durchgeführt, die eine enorme Wirkung zeigten.4 In der lnitialphase der Projektarbeit wurde die Thematik Alphabetisierung und Elementarbildung mit den Weiterbildungseinrichtungen, der Bildungsverwaltung, der Wissenschaft und der Öffentlichkeit offen diskutiert und im wesentlichen positiv aufgenommen. Das Medienverbundprogramm Alphabetisierung trug dazu bei, die Öffentlichkeit für das bisher unbekannte Problem zu sensibilisieren und Betroffene zur Teilnahme an Kursen zu motivieren.5 Während der Projektlaufzeiten konnten Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß an Weiterbildungseinrichtungen, vor allem an Volkshochschulen, ein flächendeckendes Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangebot aufgebaut wurde. Es wurden Kurs- und Beratungskonzepte entwickelt, die heute noch erfolgreich umgesetzt werden. Das Erforschen der Entstehungsbedingungen von Analphabetismus bewirkte ein besseres Verstehen der Betroffenen und trug dazu bei, adäquate Förderungsmöglichkeiten zu entwickeln. Seit den Anfängen der Alphabetisierung ist in der Bundesrepublik Deutschland - bezogen sowohl auf die alten als auch auf die neuen Länder - viel geleistet worden.1 Kursangebote im Bereich Alphabetisierung und auch im Bereich Elementarbildung wurden zu einem wichtigen Bestandteil der Bildungsarbeit in den Erwachsenenbildungseinrichtungen." Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 7ff.
"Aufgrund der strukturellen und tiefgreifenden Veränderungen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt ist es in den letzten Jahren zu einer Verschärfung der gesamtgesellschaftlichen Situation gekommen, was für den Bereich Alphabetisierung und Elementarbildung eine zusätzliche Brisanz bedeutet:
Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 11f.
"Seit Mitte der 90er Jahre ist eine interessante Entwicklung zu verzeichnen. Es sind Berichte und Studien erschienen, die sich mit dem Zusammenhang von Alphabetisierung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit befassen. So wird in einem OECD/CERI-Bericht zum Beispiel empfohlen, in den hochentwickelten Ländern breite Koalitionen für eine Ausweitung von Alphabetisierungsprogrammen zu bilden und dabei die Politik, die Wirtschaft und auch die Gewerkschaften einzubeziehen. Eine derartige Kooperation steht in der Bundesrepublik Deutschland bislang noch aus. Jedoch sind erste Schritte zu verzeichnen. Das DIE-Projekt Netzwerk Grundqualifikationen hat die vorhandenen Strukturen genutzt, die Kontakte systematisiert und somit die Vernetzung vorangetrieben. Es wurden Runde Tische initiiert, um einen Erfahrungsaustausch in Gang zu setzen und Maßnahmen zu entwickeln. Inzwischen ist dieses Vorgehen auch in einigen Bundesländern - z.B. in Berlin - übernommen worden. Das neue DIE-Projekt Entwicklung konzeptioneller Elemente einer berufsorientierten Alphabetisierung/Grundbildung sowie Entwicklung begleitender Fortbildungsmodule wird die Vernetzungsarbeit weiterführen. Für lebhafte Diskussionen um das Bildungsniveau sorgten die Ergebnisse einer ersten internationalen Untersuchung von Grundqualifikationen Erwachsener, an der insgesamt sieben Industrieländer beteiligt waren. Der Titel der Studie lautet: Grundqualifikationen, Wirtschaft und Gesellschaft, herausgegeben von der OECD und Statistics Canada (1995 - engl. Fassung, 1998 - dt. Fassung). Der Begriff Grundqualifikationen wird definiert als die Verwendung von gedruckten und geschriebenen Informationen, um in der Gesellschaft zurechtzukommen, eigene Ziele zu erreichen und eigenes Wissen sowie die individuellen Möglichkeiten zu entwickeln. Diese Studie - so interessant sie insgesamt ist - ist keine Untersuchung zum funktionalen Analphabetismus; die Ergebnisse lassen allenfalls Rückschlüsse zu. Allerdings zeigt sie sehr deutlich die Komplexität der schriftsprachlichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft. In der Definition wird eine große Bandbreite an Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung zusammengefaßt. Zur Ermittlung der Daten hat man drei Bereiche gebildet:
Untersucht worden ist also die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung, die die Fähigkeit des Lesens bereits voraussetzt, nicht die Lesefähigkeit selbst. Das Schreiben bzw. die Schreibkompetenz ist nicht getestet worden." Aus: Informationsdienst des DIE-Projektes "Netzwerk Grundqualifikationen (NET)", II/99, S. 2.
"Der Erhalt des Bereichs Alphabetisierung
und Elementarbildung stellt eine Herausforderung an unsere Gesellschaft
dar. Im Gegensatz zum Anfang der 80er Jahre, als Alphabetisierung im
Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit erstmalig thematisiert wurde, hat
sich die Situation grundlegend verändert bzw. verschärft.
Das Neue, das Besondere von gestern ist zu einem Dauerthema, einer Daueraufgabe
geworden. Hinzu kommt, daß grundlegende strukturelle Veränderungen
der Gesellschaft und der Arbeitswelt geschehen; die Entwicklungen sind
rasant. Aus: Klaus Meisel (Hrsg.), Monika Tröster (Bearb.): Alphabetisierung / Elementarbildung. Stand und Perspektiven. Frankfurt a. M. 1996, S. 80.
Zum Stand der Alphabetisierung und Elementarbildung "Im Mai 1994 ist im Rahmen des vom BMBF
geförderten DIE-Projekts Entwicklung und Erprobung von Alphabetisierungs-
und Elementarbildungsangeboten in den neuen Bundesländern
eine Erhebung durchgeführt worden, um den Stand der Alphabetisierung
und Elementarbildung in der Bundesrepublik Deutschland zu ermitteln.
Die Ergebnisse sind in einer Publikation veröffentlicht.2 Angaben zur Durchführung der Befragung Im Rahmen der Erstellung dieses Verzeichnisses
bot es sich an, eine Befragung durchzuführen, um die Broschüre
quantitativ und qualitativ anzureichern und um einen Überblick
über die in der Alphabetisierung und Elementarbildung tätigen
Einrichtungen mit ihren Angeboten und Arbeitsschwerpunkten geben zu
können. Bereits im Vorfeld sind die Einrichtungen in zwei Kategorien
unterteilt worden, in Service-Einrichtungen und in Weiterbildungsanbieter. Ergebnisse der Befragung bei den Service-Einrichtungen Da es sich bei den 59 Service-Einrichtungen
nur um eine relativ kleine Gruppe und zudem um sehr unterschiedliche
Einrichtungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Arbeitsschwerpunkten
handelt, ist keine quantitative Auswertung vorgenommen worden. Ergebnisse der Befragung bei den Weiterbildungsanbietern Bei den Weiterbildungsanbietern
ist der Stand der Angebote inklusive der Teilnehmerlnnenzahlen ermittelt
worden. Von Interesse waren das Kursangebot und Arbeitsschwerpunkte
wie Beratung, Schreibhilfe, Fortbildung und das Erstellen von Unterrichtsmaterialien
bzw. Medien. Im Folgenden sollen die Ergebnisse kurz vorgestellt werden. Tabelle 1: TeilnehmerInnen an Alphabetisierungs- und Elementarbildungsangeboten
Bei den Teilnehmerlnnenzahlen
ist eine deutliche Steigerung zu verzeichnen. 1987 besuchten nach
einer Erhebung des DIE ca. 8700 TeilnehmerInnen Alphabetisierungskurse,
und im Internationalen Alphabetisierungsjahr 1990 zählte man nach
einer Umfrage der Deutschen UNESCO-Kommission ca. 13.500 TeilnehmerInnen.
1994 führte das DIE die bereits oben erwähnte Erhebung durch,
die lediglich ca. 8100 TeilnehmerInnen ermittelte, davon ca. 7300 in
den alten Ländern. Dieser Wert ist zum einen durch einen geringen
Rücklauf zu erklären, zum anderen weist er auf eine Negativentwicklung
hin. Das Auslaufen bundesweiter Projekte im Jahr 1988 sowie einschneidende
Mittelkürzungen in den letzten vier Jahren bewirkten einen Angebotsrückgang. Auch wenn die Erhebungen
und Umfragen, wie bereits weiter oben ausgeführt, nicht direkt
miteinander vergleichbar sind, so ergibt sich jedoch wieder eine steigende
Tendenz von TeilnehmerInnen. Tabelle 2: Einrichtungen mit Schreibhilfe als Angebot
Erstmalig ist die Kategorie
Schreibhilfe erhoben worden. Diese Serviceleistung, die zunächst
von Schreibstuben oder Schreibhandlungen angeboten wurde, wird nun auch
von 217 Weiterbildungsanbietern offeriert. Diese bieten vermehrt ihre
Dienste an, wenn um Rat beim Ausfüllen von Formularen nachgesucht
wird oder Hilfe beim Verfassen von Bewerbungen, Texten etc. oder auch
persönlichen Schreiben nachgefragt wird. Einen genauen Überblick
über die Verteilung gibt Tabelle 2. Tabelle 3: Einrichtungen mit Beratung als Angebot
In der Alphabetisierung ist es typisch, für die Arbeit mit erwachsenen Analphabetinnen in den Kursen selbst Materialien und Medien zu erstellen. Manchmal bietet sich die Gelegenheit, von Kursteiterlnnen entwickelte und erprobte Materialien einer interessierten Fachöffentlichkeit weiterzugeben. So sind Materialien im Selbstverlag, in Kooperation mit Landesverbänden und teilweise auch in Verlagen - so zum Beispiel im Ernst Klett Verlag - erschienen. Von 429 Einrichtungen bieten 45 Institutionen, also nahezu 10 %, Materialien und Medien für die Alphabetisierungspraxis an. Auch aus den neuen Bundesländern liegen bereits veröffentlichte Kursmaterialien vor.
Zusammenfassung und Ausblick Wie die Ergebnisse der Befragung zeigen,
hat der Bereich Alphabetisierung/Elementarbildung einen hohen Grad an
Institutionalisierung erreicht. Trotz finanzieller Kürzungen und
Kurseinbrüchen sind Alphabetisierung und Elementarbildung zu einer
Daueraufgabe geworden, der sich die Erwachsenenbildung, die Bildungspolitik
und die Gesellschaft nicht entziehen können. Um die Angebote in diesem Grundbildungsbereich quantitativ und qualitativ aufrechtzuerhalten bzw. gemäß der steigenden Anforderungen zu erweitern, ist eine intensive Kooperation und Koordination aller beteiligten Institutionen, Verbände, Vereine, Initiativen etc. anzustreben. Gemeinsame Aktivitäten und Anstrengungen sind erforderlich, um eine notwendige Vernetzung zu bewirken." Monika Tröster Projektleiterin Aus: Monika Tröster (Hrsg.): Alphabetisierung und Elementarbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Institutionenverzeichnis. Frankfurt a. M. 1997. S. 10-17. |