DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

Konjunkturen des Sprachenerwerbs Erwachsener am Beispiel des Volkshochschulangebots

Fremdsprachen – Trendsprachen

Christina Weiß

Das Fremdsprachenangebot in der Weiterbildung hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Der Anteil der Sprachen am Gesamtangebot stieg an, die Vielfalt der angebotenen Sprachkurse nahm stetig zu. Konnten sich in den 1940er Jahren interessierte Nutzer an der Volkshochschule Hannover zwischen acht Fremdsprachen entscheiden, können dort heute 32 verschiedene Sprachen erlernt werden. Neben den Klassikern Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch wird auch Albanisch, Chinesisch, Persisch oder Vietnamesisch angeboten. Die Analyse des Sprachenangebots, das Christina Weiß aufgrund der ansonsten unzureichenden Datenlage am Beispiel der Volkshochschul-Statistik vorlegt, verweist auf Sprachentrends, die gesellschaftliche und globale Entwicklungen spiegeln.

Die Volkshochschulen begannen schon früh, als Standardsprachen Englisch, Französisch, Latein und Italienisch zu vermitteln. Das Sprachenlernen erwies sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Wiederaufbauphase als bedeutsam, nicht zuletzt aufgrund der Kommunikationsbedarfe mit den alliierten Mächten. Einen wichtigen Schub erhielt der Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen im Zuge der deutschen Vereinigung, aber auch im Kontext der europäischen Vereinigung.

Sprachen als Wachstumsbereich

Die Bedeutung des Sprachenbereichs lässt sich in der Statistik an drei Kriterien festmachen: den Veranstaltungszahlen, den durchgeführten Unterrichtsstunden sowie der Anzahl der Belegungen. Seit den 1970er Jahren steigen die Anzahl der durchgeführten Sprachkurse, der Belegungen und der Unterrichtsstunden stetig an. 1962 werden mehr als 15.000 Sprachkurse mit über 300.000 Belegungen durchgeführt. Bis 1970 verdoppeln sich diese Zahlen. 1985 werden erstmals mehr als 100.000 Kurse durchgeführt, die Zahl der Unterrichtsstunden liegt bei über 3 Mio., die der Teilnahmen bei 1,4 Mio. 1990 überschreiten die Unterrichtsstunden die 5-Millionen-Marke, 2007 werden schließlich 172.999 Sprachkurse mit mehr als 6 Mio. Unterrichtsstunden durchgeführt und 1,8 Mio. Belegungen gezählt.

Diese absoluten Zahlen sind auch Spiegel des Ausbaus der Volkshochschulen in diesem Zeitraum; deshalb lohnt es sich, die Zahlen in Relation zum Gesamtangebot zu betrachten: Werden Unterrichtsstunden als Kriterium herangezogen, steigt der Anteil der Sprachen seit den 1970er Jahren nahezu kontinuierlich an. 1970 lag der Anteil noch bei 28 Prozent. In den Jahren 1988 und 1989 sprang er von 33 auf 37 Prozent. 2007 haben Sprachen einen Anteil von 41 Prozent aller durchgeführten Unterrichtsstunden.

Auch die Entwicklungen der Anteile der Sprachkurse am Gesamtangebot und der Belegungen verdeutlichen den Stellenwert dieses Bereichs. In den 1960er Jahren wuchs der Anteil der Fremdsprachenkurse an allen Veranstaltungen von 25 auf 30 Prozent, seit den 1970er Jahren gibt es lediglich leichte Schwankungen um diesen Prozentwert. Auch bei dem Anteil der Belegungen an der Gesamtzahl von Teilnahmen gibt es seit diesem Zeitpunkt nur kleinere jährlich wechselnde Auf- und Abbewegungen (um die 29 Prozent).

Die Fremdsprachen wurden demnach immer stärker zu einem Schwerpunkt der Angebote und sind inzwischen einer der quantitativ wichtigsten Bereiche der Volkshochschulen. Lediglich der zunehmend an Bedeutung gewinnende Programmbereich »Gesundheit« hat seit Anfang der 1990er Jahre noch mehr Teilnahmefälle als die Sprachen und auch einen etwas höheren Anteil an den Belegungen.

Vielfalt des Sprachangebots

An den Volkshochschulen vergrößert sich das Volumen des Sprachenbereichs beständig. Aber wird jetzt nur öfter gelernt oder ist auch die Bandbreite an Sprachen größer? Relevanz erlangen diese Fragen angesichts einer europäischen Politik, in der die Förderung sprachlicher Vielfalt und damit auch von Fremdsprachenkenntnissen ein Kernanliegen ist. Im Sinne von lebenslangem Lernen wurde Mehrsprachigkeit als ein Element zur Förderung der ökonomischen Entwicklung der Mitgliedstaaten, der Mobilität innerhalb dieser Staaten sowie des Zusammenwachsens Europas definiert. Die EU hat als langfristiges Ziel festgelegt, »dass alle EU-Bürger zusätzlich zu ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen« sprechen sollen (Europäische Kommission 2006, S. 4). Hat die europäische Politik mit ihrer Forderung nach Mehrsprachigkeit und damit nach dem Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen Erfolg? Kommen Lerner in Volkshochschulen diesem Anspruch nach? Ein Vergleich der Nachfrage nach Sprachkursen von 1998 bis 2007 zeigt folgendes Bild, bezogen auf die wichtigsten Fremdsprachen:

Englisch und Französisch verlieren jeweils große Anteile an Belegungen. Der Anteil von Englisch sinkt in den letzten zehn Jahren massiv, von 41,6 auf 33,1 Prozent. Französisch sinkt von 12,3 auf 9,6 Prozent. Italienisch verliert ebenfalls, wenn auch leicht, von 10,9 auf 9,4 Prozent, Spanisch gewinnt und steigt von 11,7 auf 12,4 Prozent.

Das Angebot an Sprachkursen folgt der Nachfrage, die Auf- und Abbewegungen der Anteile zwischen den Sprachen sind ähnlich. Der Gesamtanteil der »bedeutendsten« Sprache Englisch liegt 1998 bei 40,2 Prozent. Im Laufe der Jahre nimmt er kontinuierlich ab auf 36 Prozent in 2003 und 33,2 Prozent in 2007.

Die Anteile der anderen großen Sprachen Französisch, Italienisch und Spanisch haben sich verschoben. Französisch verliert kontinuierlich Anteile, von 13,8 Prozent in 1998 auf zunächst 11,5 Prozent in 2003 und schließlich auf 10,3 Prozent in 2007. Italienisch zeigt nur leichte Schwankungen. 1998 hat die Sprache einen Anteil von 11,3 Prozent, 2007 liegt er bei 10,6 Prozent und überholt damit Französisch. Spanisch gewinnt dagegen Anteile, von 11,7 Prozent in 1998 auf 13,1 Prozent in 2007. Gemessen an Anteilen liegt Spanisch damit an zweiter Stelle hinter Englisch. Werden anstatt der Anteile an Kursen oder der Anteile an Belegungen absolute Zahlen zugrunde gelegt, so zeigen die Größenordnungen ein ähnliches Bild.

Die Übermacht des Englischen bleibt also bestehen. Aber wie sieht es nun mit der Entwicklung der »mittleren« und »kleinen« Sprachen aus? Zu den Anliegen der Europäischen Union zählt, die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Europa zu erhalten, dazu gehört auch, die Pflege und Verbreitung selten gesprochener Sprachen zu unterstützen. Für die Volkshochschulen bedeuten diese Entwicklungen, dass das Fremdsprachenangebot nach Möglichkeit die ganze Bandbreite der europäischen Sprachen erfassen muss, also auch die »kleinen« Sprachen und insbesondere die Sprachen der Nachbarländer.

Boomsprachen

Wie kommen die Volkshochschulen diesen Anforderungen nach? Inwieweit haben sie sich auf die im Rahmen der europäischen Bildungspolitik gesetzten Ziele eingestellt? Lässt sich eine Wirkung anhand eines veränderten Angebots oder einer veränderten Nachfrage an Sprachen zeigen?

Ein Vergleich des Kursangebotes der Volkshochschulen in den Jahren 1998 und 2007 verdeutlicht, dass zum einen die Anzahl an Kursen steigt und sich auch bei den »kleinen« und »mittleren« Sprachen vorsichtige Trends abzeichnen. Einige der Sprachen konnten ihre Anteile an dem Kursvolumen verdoppeln oder sogar verdreifachen (vgl. Tabelle 1).

Insbesondere Chinesisch und Japanisch erleben in den letzten 10 Jahren einen Boom. Chinesisch konnte seinen Anteil von 0,3 Prozent in 1998 auf 0,8 Prozent in 2007 steigern, Japanisch von 0,4 auf 0,8 Prozent. Hinter diesem Anstieg des Angebots ist eine gestiegene Nachfrage aus wirtschaftlichen und beruflichen Gründen zu vermuten. Die berufliche Notwendigkeit des Fremdsprachenerwerbs ist eines der zentralen Motive einer Weiterbildungsteilnahme, die Beherrschung von Fremdsprachen gilt als berufliche Basisqualifikation. In diesem Kontext sind die Ausrichtung des Volkshochschulangebots am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen und die Vergabe entsprechender Zertifikate von großer Bedeutung.

Auch Niederländisch, Schwedisch und Polnisch erfahren einen bedeutenden Zuwachs. Hier könnten aufgrund einer hohen Zahl an Auswanderern in diese Länder Motive der (Arbeits-)Migration beim Sprachenlernen zu finden sein (vgl. BMI 2007, S. 121). Erhebliche Anstiege sind auch beim Arabischen, Norwegischen oder Türkischen zu verzeichnen. Der gestiegene Anteil dieser Sprachkurse am Gesamtangebot darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass diese Sprachen immer noch »seltener gelernte Sprachen«, kurz SGS, sind.

Nahezu gleich geblieben sind die Anteile der persischen, russischen und portugiesischen Sprache, leicht gesunken sind die Kurse in Italienisch. Die größten Rückgänge haben Neugriechisch, Ungarisch, Englisch, Neuhebräisch und Französisch.

Die Nachfrage nach Sprachkursen vermittelt einen ähnlichen Eindruck, birgt aber dennoch einige Überraschungen. Werden die Sprachen nach dem Ausmaß des Zuwachses an Belegungszahlen gerankt, finden sich, nach den Spitzenreitern Chinesisch und Japanisch, Norwegisch, Deutsch als Fremdsprache, Latein und Serbokroatisch auf den vorderen Plätzen wieder (vgl. Abb. 1).

Wer lernt?

Sprachenlernen kann als eine lebenslange Aufgabe betrachtet werden, bei der es um Fähigkeiten geht, die jedermann zugänglich sind und die ständig verbessert und lebenslang erweitert werden können. Daher lohnt es sich, die Analyse an allgemeinere Fragen zur Weiterbildungsbeteiligung in unterschiedlichen Lebensphasen anzuknüpfen.

Abbildung 2 zeigt, dass die Teilnahme an Sprachkursen annähernd einer Normalverteilung folgt. Der Anteil an Belegungen steigt mit zunehmendem Alter an, erreicht in der Kategorie der 35- bis 49-Jährigen ihre höchste Ausprägung und fällt in der Kategorie 65 Jahre und älter auf 10,7 Prozent zurück.

Diese Daten scheinen eindeutig, vermitteln aber, wie aus anderen Untersuchungen bekannt ist, ein falsches Bild über die Weiterbildungsteilnahme im Lebensverlauf. Im Berichtssystem Weiterbildung 2007 ist zu sehen, dass die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen überwiegend aus beruflichen Gründen erfolgt (vgl. von Rosenbladt/Bilger 2008). Der Erwerbsstatus hat daher eine enge Beziehung zur Weiterbildungsteilnahme, der Anteil der Erwerbstätigen in der jeweiligen Altersgruppe beeinflusst maßgeblich die Höhe der Teilnahme. Wird die Erwerbstätigkeit als Kontextbedingung konstant gehalten, bestätigt sich das Bild einer deutlich zurückgehenden Teilnahme an Weiterbildung mit zunehmendem Alter nicht (vgl. ebd., S. 134ff.).

Ausblick

Über die Analyse allgemeiner Sprach­trends hinaus wäre es interessant, regionale Besonderheiten zu erforschen. Gibt es regionalspezifische Trends bei dem Angebot an Sprachkursen? Welchen Einfluss hat die Nachbarschaft einer Sprache auf die Bereitschaft zum Besuch eines Fremdsprachenkurses? Werden Nachbarschaftssprachen öfter gelernt?

Zudem wäre es für eine umfassende Analyse des Fremdsprachenangebots hilfreich, das Bild, das sich aus der Volkshochschul-Statistik ergibt, mit dem anderer Anbieter zu vergleichen. Bislang fehlen systematische empirische Untersuchungen für andere, insbesondere auch kommerzielle Anbieter. Hier wäre auch zu klären, inwiefern die Vergabe bestimmter Zertifikate die Nachfrage nach Sprachkursen leitet. Allerdings lassen es regionale Untersuchungen, wie die Analyse des Weiterbildungsangebots in Bremen oder der Sprachlernatlas Saar, durchaus plausibel erscheinen, das Angebot der Volkshochschulen als mehr oder weniger repräsentativ für das ganze Sprachenlernen in der Weiterbildung anzusehen.

Literatur

Bundesministerium des Inneren (2007): Migrationsbericht 2006. Berlin

Europäische Kommission (2006): Europeans and their Languages. Special Eurobarometer 243. Brüssel

Europarat (2001): Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen. Berlin/München

Körber, K. u.a. (1995): Das Weiterbildungsangebot im Lande Bremen. Strukturen und Entwicklungen in einer städtischen Region. Bremen

von Rosenbladt, B./Bilger, F. (2008). Weiterbildungsverhalten in Deutschland. Berichtssystem Weiterbildung und Adult Education Survey 2007. Bielefeld

Sprachenrat Saar (1997): Sprachlernatlas Saar. Ein Sprachlern-Ratgeber. Saarbrücken

Christina Weiß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Statistik am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE).