DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

Wunder gibt es immer wieder, oder: Wie die Arbeitslosigkeit um 51,6 Prozent gesenkt werden kann

Leserbrief von Gerhard Reutter zum Artikel »Qualifizierungsgutscheine statt Bildungsgutscheine« des Ökonomen Oliver Farhauer in der DIE Zeitschrift H. 2, 2004, S 33–36.

Gerhard Reutter

Es ist nicht das Fehlen jeder pädagogischen Argumentation (wie es in der Einführung heißt), die bei Farhauers Artikel zur Widerrede Anlass gibt, sondern sein Versuch, durch Schwarz-Weiß-Kontrastierungen außerbetriebliche berufliche Weiterbildung zu diskredtieren und betriebliche Qualifizierung in ihrer Wirksamkeit zu überhöhen.

Primat der Nutzenmaximierung

Farhauers Bild über das, was menschliche und institutionelle Beziehungen und Interessen leitet und sich in seinem Prinzipal-Agent-Modell niederschlägt, ist offensichtlich geprägt von einem Denken in Marktkategorien. Menschliches Verhalten und Handeln scheint dann nur in Kategorien der Nützlichkeit und des Eigennutzes beschreibbar. »Der Markt ist ... die Reduktion zu allem und jedem auf die selbstbezogene Orientierung an eigenen Vorlieben und Interessen. Die Vorstellung eines sozialen Bandes, die Bereitschaft am Einsatz für das Ganze, die Sympathie für den Mitmenschen – all das wird ersetzt durch die Begriffe des Vorteil bringenden Vertrags, der rationalen Wahl oder der ökonomischen Nutzenmaximierung« (Bude 2003, S. 103). Berufsethos, Moral, Interesse an einer Verbesserung der Lage Arbeitsloser und ähnliche »nicht-nützliche« Einstellungen sind in seinem Modell nicht vorgesehen. Strategisches Verhalten prägt die Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Institutionen, was er am Beispiel der nichtbetrieblichen beruflichen Bildung ausführt. Einrichtungen und pädagogisch Tätige der nichtbetrieblichen beruflichen Weiterbildung richten ihr Handeln am größtmöglichen Eigennutz aus.

Leistung ohne Aufwand

In der Sicht Farhauers entwickeln die Weiterbildungseinrichtungen als Auftragnehmer ein strategisches Verhalten, »die Leistung mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erbringen, worunter die Qualität der Leistung leidet« (Farhauer a.a.O., S. 34). Auch die Dozenten als Agenten der Agenten tendieren für Farhauer dazu, ihre »Leistung mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erbringen« mit der fatalen Konsequenz, dass »eine mit möglichst geringem Aufwand erbrachte Lehrleistung in der Regel den hohen Anforderungen der Unternehmen nicht gewachsen« (ebd.) ist. Da trifft es sich gut, dass auch der Arbeitslose als Agent des Dozenten ebenso wenig Interesse an qualitätsvoller Qualifizierung hat. »Eine Vermittlung von anspruchlosen Inhalten senkt den Lernaufwand für die Teilnehmer und den Lehraufwand für Dozenten. Dadurch können beide Parteien während der Maßnahmedauer rational ihren persönlichen Nutzen über vermehrte Freizeit erhöhen« (ebd., S. 35). Das kommt der großen Gruppe der gering Qualifizierten entgegen, weil »gering Qualifizierten ein geringerer Anreiz zur Wissenserweiterung unterstellt werden kann (ebd.). Da fragt sich der geneigte Leser, ob bei so viel Freizeitorientierung der Arbeitslose überhaupt an der Aufnahme einer Erwerbsarbeit interessiert ist.

Mit derartigen Konstruktionen, die – freundlich formuliert – allen unterstellt, nur so viel Leistung erbringen zu wollen, wie nötig ist, um den Qualitätsprüfungen des Prinzipals zu genügen oder – weniger freundlich formuliert – die Unlust zur Leistung als das große Gemeinsame von Prinzipal und Agent herausstellen, lässt sich vielleicht die Lufthoheit über die deutschen Stammtische erringen; für mich machen sie eher deutlich, dass Farhauer sich weder mit der Praxis beruflicher Weiterbildung noch mit der Situation der arbeitslosen Lernenden auseinandergesetzt hat. Welche Anstrengungen derzeit berufliche Weiterbildungseinrichtungen mit der Etablierung von Qualitätssicherungssystemen unternehmen oder welche Qualitätsmaßstäbe von den Arbeitsagenturen vorgegeben sind und überprüft werden, scheint Farhauer entgangen zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Farhauer die nichtbetriebliche berufliche Bildung verlässt und in die betriebliche Qualifizierung überwechselt.

Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis einer »regionalen und qualifikatorischen Mismatch«-Problematik.

Die Annahme, eine regional bzw. qualifikatorisch ausgerichtete Feinabstimmung zwischen betrieblichen Belangen und der passgenauen Qualifizierung des Humanvermögens reduziere Arbeitslosigkeit in einem erheblichen Ausmaß, ist bei einem Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen von 15:1 nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Dass schlicht die Zahl der vorhandenen Arbeitsplätze nicht annähernd der Nachfrage entspricht, wird als Möglichkeit gar nicht diskutiert. Strukturell bedingte Arbeitslosigkeit wird zum Qualifikationsproblem umgedeutet – eine Vorgehensweise, die spätestens im Zuge der Massenqualifizierungen in den neuen Ländern in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts ihre Untauglichkeit unter Beweis gestellt hat.

Berufliche Qualifizierung muss betrieblich organisiert sein

Nur hier liegt das Heil, denn »eine wirkungsvolle Qualifizierung der Arbeitslosen kann nur im Produktionsprozess erfolgen« (ebd.). Diese Aussage hat den Charakter eines Credo, ist daher auch nicht mehr begründungspflichtig und scheint allgemein konsensfähig, ohne dass empirische Belege für die Richtigkeit dieser Einschätzung vorliegen. Dass in strukturell und konjunkturell besseren Zeiten die Wiedereingliederungsquote bei Off-the-job-Qualifizierungen häufig bei 80 Prozent und mehr lagen, erscheint eher als glücklicher Zufall und nicht als Ergebnis bedarfsgerechter Qualifizierung. Ein Blick in die jährlich erscheinenden Eingliederungsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit hätte Farhauer eines besseren belehrt.

Es bleibt die Frage, warum die Prinzipal-Agent-Beziehungen so ganz anderer Natur sein sollen, wenn sie im betrieblichen Kontext stattfinden. Verwandelt sich der gering Qualifizierte, dem Farhauer ein geringes Interesse an Wissenserweiterung unterstellt, im Betrieb zum Wissenshungrigen? Ist der betriebliche Ausbilder im Unterschied zum nichtbetrieblichen nicht daran interessiert, »Leistung mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erbringen«? Sind betriebliche Beziehungen weniger strategisch geprägt als nichtbetriebliche?

Je länger arbeitslos, je wirksamer Qualifizierungsgutscheine

Nachdem die mit Hartz eingeführten Bildungs- und Vermittlungsgutscheine nicht so richtig den erhofften Erfolg brachten (vgl. den Artikel von Klein/Kühnlein in ebendieser Ausgabe der DIE Zeitschrift, S. 30–32), entwickelt Farhauer die Idee der Qualifizierungsgutscheine, die der Schlüssel zur Lösung sein sollen. Diese entfalten ihren Maximalwert bei Arbeitslosen, die bereits zwei oder drei Jahre arbeitslos sind.

Nachdenklich stimmt bei seinen Überlegungen zumindest eins: Eingangs lässt er sich über den Abbau des Humanvermögens durch Arbeitslosigkeit aus. Wir wissen aus der Arbeitslosenforschung, dass längere Arbeitslosigkeit nicht nur einen Verlust von Arbeitsvermögen bedeutet, sondern häufig auch mit sozialer Desintegration und individueller Demoralisierung einhergeht. Je früher daher eine Qualifizierung bei Arbeitslosen ansetzt, desto höher sind die Chancen auf Erhalt und Weiterentwicklung des Humanvermögens und je weniger Mittel müssen eingesetzt werden, um die Folgeschäden der Arbeitslosigkeit zu kompensieren. Programme, die erst dann greifen, wenn bereits Langzeitarbeitslosigkeit eingetreten ist, haben ihre Untauglichkeit in der Vergangenheit bewiesen.

 Qualifizierungsgutscheine erleichtern den strukturellen Wandel

»Allgemeine Lohnsubventionen bremsen den strukturellen Wandel« (ebd.), konstatiert Farhauer und suggeriert damit, dass die bisher praktizierten Instrumente und Eingliederungshilfen oder Lohnkostenzuschüsse für ältere bzw. langzeitarbeitslose Bewerber eher hemmend gewirkt hätten. Diese Instrumente in aller ihrer Differenziertheit und mit ihrem je unterschiedliche Nutzen allgemeinen Lohnsubventionen gleichzusetzen, ist erklärungsbedürftig. Vor allem deshalb, weil sich Farhauer anschließend mit dem segensreichen Nutzen von Qualifizierungsgutscheinen beschäftigt, die »eine zielgenau lokale Arbeitsmarktpolitik (erlauben), weil Räume mit hoher Arbeitslosigkeit über die Gutscheine stärker gefördert werden als Gebiete mit geringen Strukturproblemen. Dies könnte für Unternehmen einen Anreiz darstellen, in strukturschwächere Regionen überzuwechseln« (ebd., S. 36) (und so strukturstärkere Regionen zu schwächen?). Nach dreizehn Jahren gescheiterter Versuche der Förderung strukturschwacher Regionen derartiges anzunehmen, ließe auf ein gewisses Maß an ökonomischer Naivität schließen – wäre Farhauer nicht Ökonom. Dem Experten Farhauer scheint die Faszination der Idee so groß, dass eine kleinliche Wirklichkeit besser ausgeblendet bleibt.

Dazu passt, dass die Hoffnung auf Instrumente zur Reduzierung der Arbeitslosenzahlen seltsame Blüten treibt: Hatte die Hartz-Kommission bereits eine Halbierung der Arbeitslosigkeit als Wirkung der Hartz-Gesetze prognostiziert (real sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen), so verspricht Farhauer gleich eine Reduzierung um 51,6 Prozent. Auch wenn er sich dabei auf Snower bezieht, gleichsam zitiert, erscheint es doch erstaunlich, dass in einer so komplexen Materie Prognosen möglich sind, die noch Stellen hinter dem Komma aufweisen. Das erfreut und erinnert an die schönen Romantitel von Trojanow: »Die Welt ist groß und Rettung lauert überall«.

Literatur: Bude, H. (2003): Selbständigkeit und Sorge. In: Vorgänge, H. 4, S. 103–112

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung
Juni 2004
Gerhard Reutter , Wunder gibt es immer wieder, oder: Wie die Arbeitslosigkeit um 51,6 Prozent gesenkt werden kann:
URL: http://www.diezeitschrift.de/32004/reutter04_01.htm
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