Die Arbeiterbildungsvereine waren eine Antwort auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungsverhältnisse, die aufgrund der rasch zunehmenden Industrialisierung und Demokratisierungsanstrengungen, seit Anfang der 1830er, insbesondere für die verarmten Unterschichten (Landarbeiter, Heimarbeiter, deklassierte Handwerker), zu bewältigen waren. Fast 50 Prozent der deutschen Bevölkerung gehörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts „zu diesem Proletariat“ (Potthoff 2002, 21).

Die ersten Arbeiterbildungsvereine entstanden im Vormärz um 1830 im Exil in Zürich, Brüssel, Paris und London, als sogenannte Arbeiterverbrüderungen radikaler Demokraten. Berühmte Mitglieder waren Moses Hess, Friedrich Engels, Wilhelm Weitling und Stephan Born. Ihre Aufgaben waren es, einen Diskussionsort zu etablieren und politisch organisierende Aufgaben zu übernehmen. In ihrem Gefolge entstanden vor 1848 in Hamburg, Mannheim und Leipzig erste Arbeiterbildungsvereine in Deutschland.

Die „Bildungs-Gesellschaft für Arbeiter“ in Hamburg begründete den Vereinszweck der allgemeinen und moralischen Bildung 1945 folgendermaßen: „zeitgemäße Bildung und angenehme und nützliche Vergnügungen verschaffen, die oft dürftigen Schulkenntnisse vermehren, sie überhaupt mit Kenntnissen für das menschliche Leben bereichern und von Liederlichkeiten und unsittlichem Lebenswandel abhalten.“ (Begeest 1995, 27)

Der Verein bot seinen Mitgliedern ein breites Bildungsangebot an, das vom berufsfördernden Unterricht über Fremdsprachen bis hin zu wissenschaftlichen Vorträgen reichte.

„Nach außen betonte der Verein seine Aufgabe unter den Arbeitenden Menschen allgemeine, künstlerische und moralische Bildung zu fördern und Geselligkeit zu pflegen. Den Arbeiterinteressen entsprachen die im Verein geäußerten Forderungen nach Gewerbefreiheit, nach politischer Mitsprache und weiteren demokratischen Rechten, nach religiöser Toleranz u.a. Der Begriff Arbeiter im Vereinsnamen richtete sich an die berufsbegrenzte Einengung der Handwerker. Berufsübergreifend sollte die Interessenvertretung breiter Volksschichten erreicht werden.“ (Bauche 1988, 18)

Röhrig unterscheidet in drei unterschiedliche Typen von Arbeiterbildungsvereinen:

  1. Von Bürgern aus humanitären Motiven oder aus politischer Angst vor Unruhen gegründete Vereine, die den Arbeiter oder Gesellen zum Objekt materieller oder pädagogischer Wohltätigkeiten machten, z.B. Preußischer Zentralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen...
  2. Unterstützungsvereine der Gesellen einzelner Gewerbezweige, die seit 1801 entstanden und noch deutlich die Tradition der Brüderschaft fortführten...
  3. Die eigentlichen Arbeitervereine verschiedenen Namens, die sich später überwiegend Arbeiterbildungsvereine nannten, weil ihnen die Bildungsarbeit wichtig war (Röhrig 1989, 352/353)

Die Programmangebote hatten für ihre Mitglieder eine transitorische, kompensatorische und komplementäre Bildungsfunktion. Das heißt außer nachholendem Schulunterricht und beruflichen Fortbildungsmöglichkeiten, umfassten die Angebote auch Veranstaltungen zur politischen Orientierung und der Einübung kollektiver solidarischer Verhaltensweisen.

Als Folge der staatlichen Repressionen nach 1848, die insbesondere ein politisches Vereinigungsverbot enthielten, wurden diese Vereine aufgelöst, bzw. mussten sich wie in Hamburg in die bürgerliche „Patriotische Gesellschaft“ integrieren.

Im ganzen 19. Jahrhundert unterlagen die sozialdemokratischen Bildungsvereine der staatlichen Repressionen. Am härtesten traf es sie zwischen 1878 bis 1890 durch die sogenannten „Sozialistengesetzen“, welche von Bismarck vorangetrieben wurden.  

Das führte auch zu einer immer engeren Verbindung der Bildungsanstrengungen und den politisch-emanzipativen Organisationsanstrengungen der Parteigründung der Sozialdemokratie. Am deutlichsten vielleicht ausgesprochen in der programmatischen Rede von Wilhelm Liebknecht „Wissen ist Macht, Macht ist Wissen“ (1872).

Immer wieder gab es Ansätze, einen gesellschaftstheoretischen, im Klassenbegriff begründeten, interessen- bzw. parteigebundenen Bildungsbegriff zu entfalten. Bedeutende Vertreter der Theoriebildung waren, z.B. Friedrich Lassalle, Anton Gramsci, Karl Liebknecht, Oskar Negt, Hildegard Reisig.

Archive:

Staatsarchiv Hamburg (StAH): A 507/11 Kapsel 1 Bildungs-Verein für Arbeiter in Hamburg; darin, u.a.: Zweiter Jahresbericht (1846), Statuten (1877 und 1882);  A 50712 Bildungs-Verein für Arbeiter in Hamburg; darin, u.a.: Appel, Franz: Bericht zum 50jährigen Jubiläumsfeste am 23.02.1885; Politische Polizei, SA6, Band 1; darin, u.a.: Bericht des Bildungsvereins vom 28.05.1945, Bericht von der Vollversammlung am 06.01.1850, Bericht von der Generalversammlung des Bildungsvereins am 06.10.1850; Senat, Lit. Me.Nr.12, Band 13: Arbeiterverbindungen 1850-1853; darin u.a.: Ordnung der Bildungsvereine für Arbeiter in Hamburg von Jahres 1851

Archiv der Sozialen Demokratie, Bonn: Fonds 1993, Geheimbünde Hamburg. Serie 28; darin, u.a.: Revidierte Ordnung der Bildungsgesellschaft für Arbeiter in Hamburg vom 19.08.1845

Landesarchiv Baden Württemberg, Badisches General-Landes-Archiv, Karlsruhe: Abt. 233 – Staatsministerium, Fasz.: 1586, 1587, 4887; Abt. 236 – Ministerium des Inneren – Polizei, Fasz.: 8195, 8196, 8197, 8780

Literatur:

Bauche, Ulrich, u.a. (Hrsg.) (1988): „Wir sind die Kraft“. Arbeiterbewegung in Hamburg von den Anfängen bis 1945. Hamburg

Begeest, Michael (1995): Bildung zwischen Commerz und Emanzipation. Erwachsenenbildung in der Hamburger Region des 18. Und 19. Jahrhunderts, Münster

Brock, Adolf/Müller, Hans-Dieter/Negt, Oskar (Hg.) (1978)): Arbeiterbildung. Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen in Theorie, Kritik und Praxis Reinbek

Liebknecht, Wilhelm (1872)t: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Vortrag gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungsvereins am 5. Februar 1872 und zum Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 25. Februar 1872.  Leipzig

Potthoff, Heinrich/ Miller, Susanne (2002): Kleine Geschichte der SPD 1848-2002. Bonn

Reisig, Hildegard (1933): Die Lehren vom politischen Sinn der Arbeiterbildung, ein Rückblick auf das politische Denken der deutschen Arbeiter-Bewegung von den 40er Jahren bis zum Weltkrieg. Langensalza

Reisig, Hildegard (1975): Der politische Sinn der Arbeiterbildung. Mit einem Vorwort von Lutz von Werder. Berlin

Röhrig, Paul (1989): Volksbildung, in: Handbuch der Bildungsgeschichte Bd. III. München 1987, S.333-361

Internetquellen:

Geschichte der Arbeiterbildung, unter: http://www.fes.de/hfz/arbeiterbewegung/themen/arbeiterbildung

 

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Letzte Änderung: 01.06.2017

Klaus Heuer