Marie Jean Antoine de Condorcet (1743-1794) hat in seiner für die französische Nationalversammlung verfassten Schrift „Bericht und Entwurf einer Verordnung über die allgemeine Organisation des öffentlichen Unterrichtswesens“ (1792)) ein Konzept vorgelegt, nach dem organisierte Bildungsveranstaltungen jeden Menschen ein Leben lang begleiten sollten. Nach seiner Auffassung hatte Erwachsenenbildung eine kompensatorische Funktion für jene, bei denen Bildung kein Teil ihrer Jugend war.

„Wer bei einem anderen seine Zuflucht nehmen muß, um einen Brief zu schreiben oder selbst um einen zu lesen, um seine Ausgaben oder seine Steuern zu berechnen, um die Größe seines Feldes festzustellen oder es zu teilen, um zu wissen, was das Gesetz ihm erlaubt oder verbietet; wer die Sprache nicht einmal so beherrscht, daß er seine Gedanken zum Ausdruck bringen kann, wer nicht so schreibt, daß man es ohne Verdruß lesen kann; der muß sich in einer persönlichen Abhängigkeit befinden, die die Ausübung der Bürgerrechte für ihn nichtig oder gefährlich macht und die die von der Natur verheißene und vom Gesetz bestätigte Gleichheit auf ein demütigendes Trugbild reduzieren. Aber eben diese Kenntnisse genügen, um ihn aus dieser Knechtschaft zu befreien; ein Mensch zum Beispiel, der die vier Grundrechnungsarten kennt, kann nicht von Newton abhängig sein bei irgendeiner Handlung im täglichen Leben.“ (Condorcet 1792 S. 44)

Condorcets republikanisch, demokratisches Bildungskonzept, war auf eine starke politische Partizipation auch der einfachen Bevölkerung angelegt. Es beinhaltete neben staatsbürgerlichen Inhalten, auch Angebote zur Weiterentwicklung der moralischen Entwicklungsstufen. Eine sittliche Volksbildung, welche den Egoismus und Altruismus der Menschen begrenzt, war für ihn eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens.

„Jeden Sonntag wird der Lehrer eine öffentliche Konferenz einberufen, an der die Bürger aller Altersstufen teilnehmen können: in dieser Einrichtung haben wir ein Mittel, den jungen Menschen alle notwendigen Kenntnisse zu geben, die kein Bestandteil ihrer ersten Erziehung sein konnten. Man wird dort ausführlicher die Prinzipien und Regeln der Moral entwickeln sowie den Teil der nationalen Gesetze erörtern können, deren Unkenntnis einen Bürger daran hindern würde, seine Rechte zu begreifen und sie auszuüben.“ (Condorcet 1792, S. 24)

Lerntheoretisch vertrat er ein Konzept, dass sehr stark auf einem fortschrittsoptimistischen Erkenntnisprozess – im Sinne unbegrenzter Erkenntnismöglichkeiten - ausgerichtet war (Condorcet 1795).

 „Der Mensch wird mit der Fähigkeit geboren, Sinneseindrücke aufzunehmen und die einfachen Eindrücke, aus denen sie zusammengesetzt sind, wahrzunehmen und zu unterscheiden; er ist imstande, sie zu behalten, sie wiederzuerkennen, sie miteinander zu verknüpfen und die Verknüpfung dieser Eindrücke miteinander zu vergleichen; er vermag zu erfassen, was sie gemeinsam haben und sie voneinander unterscheidet, und kann all diesen Gegenständen Zeichen zuordnen, um sie sich besser zu merken und um leichter zu Verknüpfungen zu gelangen.

Die Fähigkeit entwickelt sich in ihm durch die Einwirkung der Dinge der Außenwelt, das heißt durch das Vorhandensein gewisser zusammengesetzter Sinneseindrücke, deren mit sich identische oder auch gesetzmäßig.“ (Condorcet 1792, 44)

Die Revolutionen von 1776 und 1789 sind für Condorcet Stufen in einem Prozess der Befreiung, der nicht abgeschlossen ist. Für die Zukunft der Menschheit erhofft er sich die Realisierung der folgenden drei Ziele:

„Erstens gilt es, die Ungleichheit zwischen den Nationen zu beseitigen… Zweites Ziel ist die Vorstellung der vollständigen Gleichheit der Menschen innerhalb der Nation…Eine allgemeine Volksbildung muss verhindern, dass Menschen aufgrund fehlenden Wissens in Abhängigkeit geraten….Das dritte Ziel ist die Vervollkommnung der Menschen mittels Wissenschaft und Technik sowie der intellektuellen, moralischen und physischen Anlagen.“ (Marti 2008, 129/130)

Eine deutsche Rezeption des Konzepts von Erwachsenenbildung bei Condorcet hat es nur sehr bruchstückhaft gegeben. Nachweisbar ist sie bei Paul Natorp (1922), Robert Alt (1949), Frolinde Balser (1959), Hans-Hermann Schepp (1966) und Detlef Oppermann (1984).

Eine mögliche Begründung für die geringe Rezeption in Deutschland könnte sein: „dass die deutsche Rezeption der französischen Revolution mit ihren stark jakobinisch geprägten Zügen – und damit auf Gleichheit - ausgerichtet war – und den girondistischen, liberalen  Positionen – die stärker die Freiheitsrechte betonte, als für Deutschland weniger bedeutsam angesehen wurde. Hinzukommt, dass Jean Jaques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi mit ihrer stärker antiwissenschaftlichen Ausrichtung die Aufmerksamkeit insbesondere der deutschen Bildungsgeschichtsschreibung bis heute dominieren.“ (Heuer 2011, 39)

Verwandte Begriffe:

Politische Bildung; Bildungssystem; Education permanente; Lebenslanges Lernen¸ Fortschrittsbegriff; Paul Natorp

Literatur:

Condorcet, Marie Jean Antoine, Marquis de (1792): Bericht und Entwurf einer Verordnung über die allgemeine Organisation des öffentlichen Unterrichtswesens. In: Furck, Carl-Ludwig/Geißler, Georg/Klafki,Wolfgang/Siegel, Elisabeth (Hrsg.) (1966): Kleine Pädagogische Texte, Band 36. - Weinheim: Beltz, S. 20 - 84. (Vorwort H.-H. Schepp)

Condorcet, Marie Jean Antoine, Marquis de (1795): Esquisse d'un tableau historique des progrès de l'esprit humain. Paris (deutsche Übersetzung zuerst 1796)

Condorcet, Marie Jean Antoine, Marquis de (1804): Oeuvres complètes de Condorcet

Heuer, Klaus (2011): Condorcets Menschenrecht auf Bildung – Fundstücke und Fragen; in: DIE-Zeitschrift, Heft 2, S.39

Marti, Urs (2008): Studienbuch Politische Philosophie. München

Schepp, Heinz Hermann (Hrsg.) (1966): Condorcet: Allgemeine Organisation des öffentlichen Schulwesens, Weinheim

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Letzte Änderung: 04.04.2017

Klaus Heuer