Deutsche Schule für Politik

Die liberale politische Hochschule wurde 1920 mit Unterstützung von Friedrich Neumann und  Theodor Heuss in Berlin gegründet. Sie hatte ihr Vorbild in der französischen „Ecole Libre des Sciences Politiques“ in Paris. Diese hatte in Frankreich auch die Funktion, zur geistigen und moralischen Erneuerung der politischen und administrativen Führungskräfte beizutragen. Somit sollte sie in gewisser Weise dabei helfen, Frankreich aus seiner, von den politischen Eliten konstatierten, Bewusstseinskrise herauszuführen.

Die Deutsche Schule für Politik sollte ein, die Parteien übergreifendes, Instrument politischer Bildung sein. In der Gründungsphase formulierte diese Zielvorstellung W. Heile folgendermaßen:

„Das liberale Ziel sollte dem gegenüber sein, „sich ein Heer von gut geschulten Kämpfern zu bilden, die nicht so sehr in der Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern, als vielmehr in der Erziehung des Volkes zu staatsbürgerlichem Denken in liberalen, sozialem und nationalen Geiste das Hauptfeld ihrer Tätigkeit sehen.“ (HEILE 1918, 37)

Zielgruppe der Hochschule waren Männer und Frauen, die die wissenschaftliche Berufsbildung und evtl. auch praktische Lehrzeit schon hinter sich hatten, beziehungsweise die schon im praktischen Leben standen und den Drang nach Fort- und Weiterbildung, speziell auf dem Gebiete der Politik, in sich spürten. Es bestand die Möglichkeit eines Hochschulabschlusses ohne Abitur.

1933 fielen die meisten Dozenten unter das Berufsverbot des NS-Regime. Einige von ihnen, wie z.B. Ernst Fraenkel und Franz Neumann, arbeiteten später an der New School for Social Research in New York, der sog. „university in exile“.

Die Berliner Hochschule wurde 1937 geschlossen. Erst Ende 1949 wurde sie wieder begründet und 1958 als Otto-Suhr-Institut in die Freie Universität Berlin überführt. Ihre renommierten Direktoren waren Otto Suhr (bis 1955) und Otto Heinrich von Gablentz.

Paralleleinrichtungen waren die Hochschule für Arbeit in Hamburg und die Hochschulen für Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven und München. Diese wurden ebenfalls Ende der 1940er gegründet wurden.

Die Spezifika der Hochschule bestanden in einer dreifachen Weise:

  • Ihre berufspraktische Ausrichtung des politikwissenschaftlichen Studiums mit einem besonderen Bezug zur Demokratisierung der staatlichen Verwaltungsbürokratie
  • Ihre spezifische Bindung an exponierte exilierte Politikwissenschaftler, die, zumindest in der Anfangsphase nach 1945, die Adaption der internationalen Politikwissenschaft erleichterten und meist auch der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften freundliche Position einnahmen
  • Die Öffnung für Studenten des Zweiten Bildungswegs mit oft berufspraktischen Erfahrungen, die nicht den Typus des traditionellen Staatswissenschaftlers entsprachen

Ihre Bedeutung für die Erwachsenenbildung hat die Berliner Hochschule deshalb, weil mit ihr ab 1930 eine Studienmöglichkeit für Volkshochschuldozenten der Volkshochschule Groß-Berlin, der sog. „Volksbildnerkurs“, bestand.

Auch in der Nachkriegsgründung war die Erwachsenenbildung als bildungspolitisches Ziel angedacht, in der Realität fand aber eine immer stärkere Akademisierung des Studiums statt.

In den 1950er Jahren waren die Absolventen der Hochschule gefragte Aspiranten für das berufliche Tätigkeitsfeld der hauptamtlichen Mitarbeiter/innen und Leiter/innen in Volkshochschulen in der BRD.

Literatur:

Heile Winfried (1918):  Nutzen und Notwendigkeit einer politischen Volkshochschule, in: Naumann, Friedrich/ Heile W. (1918): Erziehung zur Politik. Berlin, S.29-37

Heuß, Theodor (1921): Denkschrift zur Errichtung einer Deutschen Schule für Politik; in: Politische Bildung. Wille/Wesen/Ziel/Weg. Sechs Reden gehalten bei der Eröffnung der Deutschen Hochschule für Politik. Berlin, S.33-37

Missiroli, Antonio (1988): Die Deutsche Hochschule für Politik. Sankt Augustin

Nicke, Erich (2004): Politik und Politikwissenschaft in der Weimarer Republik. Berlin

Archive:

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Dahlem: Rep 303, Nr. 233

Bundesarchiv Koblenz: Nachlass Theodor Heuss, Nr. 6 37

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung Leibniz Zentrum für Lebenslanges Lernen, Bonn: Bestand Einführungsseminare der PAS/DVV 1959-1966

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Letzte Änderung: 20.04.2017

Klaus Heuer