Emil Adolph Roßmäßler (1806-1876) studierte Theologie und Botanik und wurde 1830 Professor der Zoologie an der forst- und landwirtschaftlichen Akademie zu Tharandt. Als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung gehörte er der Fraktion um Robert Blum an und war Mitglied des Stuttgarter Rumpfparlaments. 1849 verließ er, nach einem erfolgreich überstandenen Hochverratsprozess, freiwillig sein Lehramt und lebte fortan als Vortragsredner und freier Schriftsteller. (zitiert nach H. Dräger 1979, S.318)

Politisch-kulturell vermisste E. A. Roßmäßler insbesondere einen in der Selbstachtung begründeten Freiheitsbegriff in Deutschland. Er schreibt dazu: „Daß es den Deutschen an Freiheit fehlt, weiß nun gewiß jedermann. Aber es ihnen nicht blos an politischer, staatsbürgerlicher Freiheit, sondern es mangelt ihnen, und das ist noch viel schlimmer, die innere sittliche Freiheit eines würdigen Menschenbewußtseins; das zeigt ihr thatloses Verhalten dem hereinbrechenden Absolutismus gegenüber.“ (Rossmäßler 1874, S.131, zuerst 1849)

Anfang der 1860er Jahre war er Mitgründer des Leipziger Arbeiterbildungsvereins und ein entschiedener Kritiker Ferdinand Lassalles. Er nahm Stellung gegen Lassalles Kritik an der deutschen Fortschrittspartei, an der wirtschaftlichen Selbsthilfe der Arbeiter und an den Bildungsbestrebungen der Arbeiter.

E. A. Roßmäßler kann als erster freier Dozent der Erwachsenenbildung gelten, dessen Themengebiet die emanzipativ ausgerichtete Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse war. Für ihn war die Natur der Schlüssel – und die Legitimation – von Emanzipation. In seinen Lebenserinnerungen hat er beschrieben, welche methodischen Grundlagen er für seine populärwissenschaftliche Schriftstellerei zu entwickeln gedachte:

„Dieser Gedanke war eine Frage, die ich mir stellte: Gibt es nicht vielleicht eine Darstellungsform, um mit Vermeidung des trockenen Lehrtones, das Volk mit den Elementen der Naturwissenschaft vertraut und diese ihm lieb und werth zu machen? Meine Liebe zum Volk, meine Kenntnisse des Volkes und besonders mein aus diesen beiden sich ergebendes richtiges Urteil über die zweckmäßigste Form des geistigen Umgangs mit dem Volke führte mich zu dem Entschlusse, den novellistisch erzählenden Lehrton zu versuchen. Ich wollte nach dem Leben gezeichnete, handelnde Personen im Geiste um mich versammeln und mit diesen lebend, verkehrend und an tägliche Lebens- und Zeitereignisse und Zustände anknüpfend naturgeschichtliche Gespräche und Unterhaltungen in keiner anderen Ordnung aneinanderreihen, als wie dieselbe aus diesem Verkehr sich von selbst darbietende, zufällige oder mit Absicht herbeigeführte Veranlassungen an die Hand geben würden. Über das Treiben der Menschen in Staat und Kirche, in Gemeinde und Werkstatt wollte ich den alles durchdringenden Hauch der natürlichen Weltanschauung ausgießen.“ (Rossmäßler 1874, 127)

Seine volksaufklärerischen Schreibemühungen waren für ihn charakterisiert durch:

  • Unbedingte Wissenschaftstreue
  • Auswahl des Wichtigsten
  • Anregende Vermittlung von Grundlagen zum eigenständigen Weiterstudium
  • Anschaulichkeit
  • Voraussetzungslosigkeit beim Teilnehmenden akzeptieren

„Roßmäßler nahm energisch gegen die verbreitete Ansicht Stellung, dass populär schreiben oder vortragen zu können, eine „angeborene“ Kunst sei und hob demgegenüber hervor, daß es sich um eine erlernbare Kunst handle. Mit dieser Voraussetzung ist die Veröffentlichung seiner eigenen Lehrgrundsätze und –erfahrungen als ein früher Versuch zu werten, die didaktisch-methodischen Grundlagen der demokratischen Erwachsenenbildung zu schaffen.“ (Burgermeister 1958, 163)

Seine erwachsenenpädagogisch bedeutsamen Erzählungen „Der Weg zum Geist“ und das „Gebirgsdörfchen“ zeigen die gelungene Anwendung dieses didaktischen Prinzips. Sie liefern Bildungsmaterial und sind zugleich Motivation zur nachvollziehenden, selbständigen Bildungsarbeit. Das „Gebirgsdörfchen“ ist die Geschichte einer fiktiven „Volksakademie“. Sie wurde Vorbild für die von Roßmäßler 1859 angeregten Humboldt-Vereine.

Literatur:

Burgemeister, Burghard (1958):  Emil Adolph Roßmäßler. Ein demokratischer Pädagoge 1806-1867. Humboldt-Universität, Berlin

Dräger, Horst (1979): Volksbildung und Freiheit (1849); in: ders.: Volksbildung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Braunschweig, S.318-322

Harstick, Hans-Peter (1986): Emil Adolph Roßmäßler; in: Wolgast, Günther/Knoll Joachim H. (Hrsg.): Biographisches Handwörterbuch der Erwachsenenbildung. Stuttgart, S.366f

Roßmäßler, Emil Adolph (1909): Das Gebirgsdörfchen. Eine Perspektive in die Naturgeschichte des Volkes. Mit einem Vorwort von Wilhelm Kobelt. Leipzig

Roßmäßler,  Emil Adolph (1874): Mein Leben und Streben im Verkehr mit der Natur und Volke. Hannover

Roßmäßler, Emil Adolph (1863): Ein Wort an die deutschen Arbeiter. Berlin

Roßmäßler, Emil Adolph (1849): Mein künftiger Lebensplan. Eine Denkschrift für seine Freunde

Illustrationsmaterial:

Roßmäßler, Emil in: Forststadt Tharandt. Beiträge zur Heimatgeschichte, Heft 1. Tharandt 1956, Zugriff am 20.04.2017. Verfügbar unter: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ab/Emil_Adolf_Rossmaessler.jpg

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Letzte Änderung: 01.06.2017

Klaus Heuer