„Die Fachgruppen stellten den Versuch dar, auf dem Boden einer Volksbildungseinrichtung Experten und Laien auf egalitärer und möglichst demokratischer Basis gemeinsam über wissenschaftliche Themen und Problemstellungen und darüber hinaus im Bereich der Fremdsprachen und Freizeitaktivitäten im Wege der Vermittlung, Aneignung und Anwendung von Inhalten selbständig tätig werden zu lassen. Im Rahmen der Fachgruppen – im Volksheim mit seinen vier ebenfalls Volksheime genannten Zweigstellen bestanden in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre mehr als zwei Dutzend nebeneinander, im Volksbildungseim bis zu sechzehn – kooperierten Laien aus allen sozialen Schichten mit zum Teil höchst qualifizierten Fachleuten, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen und Kulturschaffenden….

Jeder Fachgruppe stand ihre eigene Bildungsinfrastruktur zur Verfügung. Dabei handelte es sich um zum Teil sehr umfangreiche Fachgruppenbibliotheken, um Arbeitsunterlagen und –gegenstände sowie um die Gelegenheit, spezifische Labors und Kabinette mitzubenützen. Verwaltet wurde diese Infrastruktur von – zumeist – dafür gewählten Mitgliedern….

Wissenschaftlichkeit war das Prinzip aller Fachgruppen und in allen wurden auch – in jeweils sehr unterschiedlichem Maße – wissenschaftliche Inhalte vermittelt. Selbstorganisation und die Ermöglichung von Gemeinschaftserlebnissen waren gleichfalls Prinzipien aller Fachgruppe. Dazu kamen kulturelle Aktivitäten der meisten Fachgruppen…

Dieses von Ludo Moritz Hartmann als erstem expliziert formulierten Konzept der Volkshochschulen als Stätten der „Denkschulung“ – möglichst an wissenschaftlichen Inhalten – war nie so gedacht, dass in den Volkshochschulen Laien zu Wissenschaftlern ausgebildet werden sollten. Es galt vielmehr, wissenschaftliches Denken, das heißt systematisches Erfassen von Zusammenhängen und methodisches Analysieren komplexer Verhältnisse sowie Begriffsbildungen an konkreten Beispielen und Inhalten zu lehren….“ (Filla 2001, 25/26)

Dieser demokratische Ansatz der Wissensvermittlung war eine Wiener Besonderheit. Sie wurde 1902 eingeführt und von der Wiener Urania, dem Volksheim und dem Wiener Volksbildungsheim bis Mitte der 1930er beibehalten. Sie verband egalitäre Momente mit Public Science. In Folge des Austrofaschismus wurde diese demokratische Form der Wissensvermittlung zerstört.

Die Fachgruppen waren seminarförmige, halbautonome Einrichtungen, in denen die Wissenschaftsverbreitung für Laien, zum Teil auf universitärem Niveau, im Mittelpunkt stand.

Ihre Besonderheiten waren:

  • die Verknüpfung von Bildungstätigkeit mit kulturellen Aktivitäten
  • die Verbindung von Bildung mit kommunikativen und gemeinschaftsfördernden Aktivitäten
  • die Entwicklung demokratischer Strukturen
  • die Verstärkung von Eigenaktivitäten der Mitglieder

Im Volksheim Wien/Ottakring bestanden in den zwanziger Jahren bis zu 27 Fachgruppen gleichzeitig, die mehr als zweitausend Mitglieder zählten.

Wilhelm Filla hat 2001 über die Fachgruppen eine umfassende Monographie veröffentlicht.

Archive:

Volkshochschule Ottakring: Archiv des Volksheims

Volkshochschule Margariten: Archiv des Wiener Volksbildungsvereins

Wiener Urania: Archiv der Wiener Urania

Literatur:

Filla, Wilhelm (1996):Ein historisches Modell demokratischer Bildungsarbeit. Fachgruppen an Wiener Volkshochschulen vor 1934; In: Demokratische Bildung, S. 63–88.

Filla, Wilhelm (2001): Wissenschaft für alle - ein Widerspruch? Bevölkerungsnaher Wissenstransfer in der Wiener Moderne : Ein historisches Volkshochschulmodell. Innsbruck – mit ausführlicher Edition von Quellentexten

Filla, Wilhelm (2012): Fachgruppen als Orte der intensiven Beschäftigung mit Lehrinhalten an der Volkshochschule Volksheim Ottakring; in: Spurensuche ; 20/21(2012) ; Heft 1/4, S. 131-145

Filla, Wilhelm (2014): Von der freien zur integrierten Erwachsenenbildung. Zugänge zur Geschichte der Erwachsenenbildung in Österreich : ein Studienbuch. S.68.73

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Letzte Änderung: 23.05.2017

Klaus Heuer