G. A. Hermes (1872-1942) hat eine bleibende Bedeutung für die Professionalisierung der Volksbildung in der Weimarer Republik. Sie gehörte zu der kleinen Anzahl von Frauen, die sich der Erwachsenenbildung widmeten. Ihr konzeptioneller Schwerpunkt war die lebensweltbezogene Arbeiterbildung.

Nach ihrer Ausbildung und Tätigkeit als Lehrerin, war sie als Wanderlehrerin an verschiedenen Volkshochschulen in Thüringen und Sachsen beschäftigt. Von 1922 bis 1933 war sie als Fachreferentin in den Leipziger Bücherhallen tätig; 1923 gründete sie das Volkshochschulheim in Leipzig-Connewitz, für das sie erhebliche eigene Mittel beisteuerte. Bis 1926 folgten noch zwei weitere Heime. Am „Seminar für freies Volksbildungswesen“ an der Universität Leipzig war sie Assistentin von Hermann Heller. Der Konfektionsarbeiterinnenstreik von 1896 war ein prägendes Bildungserlebnis in ihrem Leben. Dort erkannte sie, dass Elend ein Massenschicksal bestimmter sozialen Gruppe ist (vgl. Jörg Knoll u.a. 2007, 53).  Politisch war sie eine prominente Vertreterin der sozialistischen Arbeiterbildung.

Meyer-Wolters charakterisiert ihre Arbeiten wie folgt: „Außerdem sucht sie ihr Verständnis für die Lage der werktätigen Bevölkerung ‚durch dauerndes häusliches Zusammenleben mit jungen Arbeitern‘ zu vertiefen und stellt vermutlich im Zusammenhang der dabei gemachten Erfahrungen erste Überlegungen zur Gründung von Volkshochschulheimen an... Neben ihrer Arbeit für die Volkshochschulheime ist H. an der Volkshochschule und an der ‚Schule für Wirtschaft und Verwaltung‘ lehrend tätig... Im Herbst 1926 befindet sich H. zu einem mehrmonatigen Studienaufenthalt in England. Nach ihrer Rückkehr bereitet sie mit H. Heller die Gründung der ‚Schule der Arbeit‘ vor, die am 1.10.1928 auch eröffnet wird.“ (Meyer-Wolters 1986, 159)

1933 wurde ihr die Ausübung des Berufs durch das NS-Regime verboten und ihre Werke standen später auf der Liste der verbotenen Autoren. Nach einem weiteren Studienaufenthalt in England widmete sie sich historischen Arbeiten zur Geschichte Europas.

Literatur:

Maike Eggemann (1997): Die Frau in der Volksbildung 1918-1933. Wege zur Emanzipation.

Peter Faulstich/ Christine Zeuner (2001): Erwachsenenbildung und soziales Engagement. Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung, Bielefeld.

Dorothea Flaig (1998): Getrud Hermes. Leben und Werk einer Erwachsenenbildnerin, Oldenburg (Daraus S.31-49 als Volltext unter: http://oops.uni-oldenburg.de/volltexte/2000/620/pdf/kap02.pdf).

Gertrud Hermes (1926): Die geistige Gestalt des marxistischen Arbeiters und die Arbeiterbildungsfrage. Tübingen.

Gertrud Hermes (1929): Die rote Fahne in Not. Jena.

Arne Meisel (2007): Gertrud Hermes und die Leipziger Volkshochschulheime in: Knoll, Jörg u.a. (Hrsg.) Gestalt und Ziel. Beiträge zur Geschichte der Leipziger Erwachsenenbildung, Leipzig, S. 53-67. 

Hartmut Meyer-Wolters (1986): Gertrud Hermes; in: Wolgast, Günther/Knoll, Joachim H. (Hrsg.): Biografisches Handwörterbuch der Erwachsenenbildung. Stuttgart, S.159-160.

Bettina Irina Reimers (2003): Die neue Richtung der Erwachsenenbildung in Thüringen 1919 - 1933. Essen.

Christine Zeuner (1996): Beruf: Volksbildnerin. Zur Professionalisierung der Volksbildung in der Weimarer Republik am Beispiel von Gertrud Hermes' Tätigkeit in Leipzig von 1922 bis 1933, in HBV Heft 4, S.295-306.

Christine Zeuner (2001): Gertrud Hermes – theoretische und praktische Beitrage zur Arbeiterbildung; in: Ciupke, Paul (Hrsg.): Zwischen Emanzipation und besonderer Kulturaufgabe der Frau. Frauenbildung in der Geschichte der Erwachsenenbildung, Essen, S. 99-113.

Archive:

Stadtarchiv Leipzig, Kap. 10. Nr. 408, Beih. 2, 6, 24, 39

Illustrationsmaterial:

Gertrud Hermes, in: Biographisches Lexikon des Sozialismus Band I, Hannover, Zugriff am 11.04.2017. unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gertrud_Hermes.jpg?uselang=de

 

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Letzte Änderung: 18.04.2017

Klaus Heuer