Einführung

Zwei bekannte Autoren, die der Popularisierung der wissenschaftlichen Medizin in Deutschland vor 1800 immensen Vorschub leisteten, waren Bernhard Christian Faust (1755-1842) und Johann August Unzer (1727-1799). Sie waren Ärzte, Forscher und Wissenschaftsjournalisten, die sich für die Volksaufklärung einsetzten.

Beide griffen in ihren Publikationen auf populäre, auf Unterhaltung ausgerichtete literarische Gattungen – wie z.B. die Satire, den Briefroman, den Katechismus – zur Wissensvermittlung zurück. Sie bezogen sich auf populäre Traditionen, wie sie in der katechetischen Religionsvermittlung und auch im volkstümlichen Theater weit entwickelt waren. Ihre Darstellungen waren dialogisch und bezogen so die Lesenden mit ein. Sie vermittelten einfaches regelhaftes Wissen, das sich in Gebotsform aber auch in derbem Witz darstellen ließ.

Das Medium war bei J. A. Unzer die wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Der Arzt“ (Unzer 1764). Sie erschien zwischen 1759-1764 und wurde danach als gebundene Ausgabe verkauft.  Unzer benutzte stark das Stilelement der Satire und stärkte dabei die Kritikfähigkeit seiner Leserschaft. Sein Vorbild war die englische Zeitschrift  „Spectator“, eine für die Volksaufklärung wichtige englische Zeitschrift. J. A. Unzers Publikationen mussten sich auch ökonomisch rechnen und taten das auch. Seine Leserschaft bestand vor allem aus städtisch bürgerlichen Frauen.

B. C. Faust publizierte seinen „Gesundheits-Katechismus“, der „zum Gebrauche in den Schulen und dem häuslichen Unterricht“ (Faust 1794) gedacht war, in Buchform. Das Fürstentum Schaumburg-Lippe unterstützte den Verkauf. Durch den Schulunterricht in Volksschulen fand es weite Verbreitung, auch in der ärmeren ländlichen Bevölkerung. Im Laufe weniger Jahre wurden 150.000 Exemplare verkauft und das Buch in viele andere Sprachen übersetzt. Grund dafür war auch, dass B. C. Faust auf die Nachdrucksrechte verzichtete.

Verstand J. A. Unzer seine Publikation als einen Beitrag zur individuellen Gesundheitsbildung, so umfasste das Interesse von B. C. Faust auch die Sozialhygiene und Volksfürsorge. So setzte er sich insbesondere auch für die Verbesserung der Geburtenhilfe, des Sanitätswesens im Krieg und für die Einführung der Pockenimpfung ein.

Beispiele für die volkaufklärerische Gesundheitsbildung sind die nachfolgenden Textstellen bei J. A. Unzer und bei B.C. Faust.

Quelle

1. Textstelle bei J.A. Unzer:

„Dr. Steckrübe: Ja, wie gesagt, Herr Capitain, eine Eselstutte müssen Sie sich schleunig anschaffen.

Cap.Lux: Wohl, Herr Doctor! Aber warum eben eine Stutte? Wenn ich fragen mag. Sollte mich wohl ein Hengst abwerfen?

Dr. Steckrübe: Ey, nicht doch! Herr Capitain, Sie sollen die Stutte nicht reiten. Ihre Milch, ihren edlen Nahrungssaft sollen Sie genießen! Die feinen, zarten Lebensgeister einer wohlgesitteten Eselinn sollen Ihre arme, schwache Brust stärken.

Cap. Lux: Sie da, Lucia, bist Du hier? Du sollst mir sogleich nach einer Eselinn schicken. Ich will sie kaufen.

Lucia: Gut, Herr Vater, haben auch schon einen Stall für sie?

Cap. Lux: Ja so, Herr Doctor! Sollte sie wohl neben der Ziege meiner Tochter stehen können?

Dr. Steckrübe: Stehet die Ziege nicht in dem Stalle im Hof, auf welchen Sie den hohen Thurm mit dem Wetterhahne bauen ließen?

Cap. Lux: Ja, ich kann aber einen besonderen Verschlag machen lassen.

Dr. Steckrübe: Dies müßte wohl schon geschehen, damit sich die Exhalationen der beiden Thiere nicht mit einander vermischen.

Cap. Lux: Bey leibe nicht!

Dr. Steckrübe: Denn die geilen Dünste würden sich zu dem geruhigen, philosophischen Dämpfen einer stoischen Eselinn nicht schicken, und sie würden dadurch die Eselsmilch schädlich machen…

Cap. Lux: Welches Gott verhüte!

Dr. Steckrübe: Sie würde Ihnen ein Gift werden.

Cap. Lux: Ich armer Mann!

Dr. Steckrübe: Sie würden davon unerhörte Krankheiten bekommen.“ (Unzer 1764, 179)

2. Textstelle bei B. C. Faust, unter:

„51. Ist das Wiegen der kleinen Kinder gut?

Nein; das Wiegen macht die Kinder unruhig, betäubt, trunken, schwindlich und dumm; und schaden daher sehr dem Körper und der Seele.

52. Ruhen und schlafen die Kinder, ohne daß man sie wiegt?

Ja, wenn die Kinder immer frische, reine Luft haben, trocken und rein gehalten, und in ihrer Ruhe nicht gestört werden, so ruhen und schlafen sie sanft; und das Wiegen, wie auch das Herumtragen der Kinder, ist ganz unnöthig. (Anm. Daß die Seele des Menschen, von seiner frühesten Kindheit an, durch Wiegen, Herumtragen und Tändeln in Unruhe versetzt wird; ist sehr unrecht und schädlich. Die Mutter muß liebreich und auf eine ruhige Art mit ihrem Kinde scherzen und spielen, sie muß das Kind und seine zarten Glieder sanft und viel bewegen, und sie muß es ruhig mit Gegenständen bekannt machen.)“ (Faust 1794, 18) 

Literatur:

Faust, Bernhard Christoph (1794): Gesundheits-Katechismus zum Gebrauche in den Schulen und deym bäuerlichen Handschriften. Bückeburg

Reiber, Mathias (1999): Anatomie eines Bestsellers. Johann August Unzers Wochenschrift „Der Arzt“. Göttingen

Sahmland, Irmtraut (2006): Der Gesundheitserzieher Bernhard Christoph Faust, in: Höing, Hubert (Hrsg.): Zur Geschichte der Erziehung und Bildung in Schaumburg. Bielefeld

Unger, Johann August (1759-1764): Der Arzt. Hamburg, Online unter: http://www.europeana.eu/portal/record/9200332/BibliographicResource_3000095410625.html  (22.11.2014)

Internetquellen:

Kurzbiografie von Bernhard Christoph Faust, unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Christoph_Faust

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Letzte Änderung: 04.07.2017

Klaus Heuer