Einführung:      

Der Text von Eduard Weitsch (1883-1951) ist eine praxisbezogene Darstellung der Aufgabenstellungen eines (Heim-)Volkshochschullehrers, wie er sie aus der modellhaften Arbeit in der Heimvolkshochschule Dreißigacker (Thüringen) kannte. Er versuchte dies aus der Perspektive der Vertreter der pragmatisch-realitätsbezogenen „Neuen Richtung“ programmatisch zu skizzieren. Dabei stellt er die unterschiedlichen Bestrebungen des Hohenrodter Bundes – mit seinen geplanten Aus-und Fortbildungsakademien im Rahmen der Deutschen Schule für Volksforschung und Erwachsenenbildung – und die eigenen Anstrengungen der Qualifizierung von hauptberuflichen Mitarbeitenden an der Hvhs Dreißigacker dar. Zudem entwickelt er eine Kompromisslösung zwischen diesen beiden Ansätzen. Abschließend geht er auf ungeklärte Laufbahn-und Besoldungsfragen ein.

Quelle:

„Neben die wissenschaftlichen und methodischen Neuaufgaben des Volkshochschullehrers tritt, vorläufig besonders beim Heimlehrer, die des ständigen persönlichen Umganges mit den Schülern, die ständige Bereitschaft zu mindestens aus der Lehrerpersönlichkeit den Freund erwachsen zu lassen, zu einer seelsorgerischen Einstellung überzugehen. Diese Einstellung muß zweierlei vermeiden, die der wissenschaftlichen Kühle gegenüber den persönlichen Nöten des Schülers auf der einen Seite und die eines unverantwortlichen Schicksalspielens auf der anderen. Es ist klar, wie groß diese Aufgabe ist und wie sehr sie nicht nur den Intellekt, sondern auch die menschliche Reife, das Herz des Lehrers beansprucht. Diese dritte Aufgabe sollte sich aber nicht nur auf den Heimlehrer beziehen, sondern ebenso sehr auf den Lehrer an der städtischen Abendvolkshochschule, wenn anders dieser an den Menschen in seinem Schüler herankommen will. In der städtischen Abendvolkshochschule ist allerdings diese Anforderung viel schwerer zu genügen als im Heim, da hier das lebensgemeinschaftliche Element des Zusammenwohnens, der gemeinsamen Mahlzeiten, kurz der ständigen Gelegenheit zu persönlicher Fühlungnahme fehlt.

[...]

Dennoch bleibt eine solche Ausbildung nötig in Anbetracht der oben geschilderten Kalamität. Aber ehe man sich an die Arbeit einer solchen Ausbildung macht, oder gleichzeitig mit ihrer Inangriffnahme, muß man in ernsthaftester und energischster Weise volkshochschulpolitisch die hauptamtliche Anstellung von Lehrkräften auch an einer städtischen Volkshochschule anstreben und  vorbereiten. [...]

Diese Lösung der Volkshochschullehrer-Frage brächte natürlich eine Gefahr mit sich. Handelt es sich erst um festbesoldete, gar pensionsberechtigte „Stellen“, so ist sicher zu befürchten, daß der von Idealismus getriebene Volkshochschullehrer, der seine letzten Kräfte für die Volkshochschule einsetzt, Gefahr läuft, von dem nach Anstellung Trachtenden verdrängt zu werden. Wir würden bei der heutigen Marktlage im Lehrerberuf überhaupt einen großen Zustrom von Angeboten erhalten und nicht alle sich Bewerbenden würden aus reiner Begeisterung für die Volkshochschule kommen, das ist sicher. Auf der anderen Seite stehen aber die Gefahren und Mängel, welche die Arbeit mit nebenamtlichen Kräften mit sich bringt. […]

Soweit es sich aber um jüngere Kräfte von außen handeln würde, die man sich genötigt sieht, heranzuziehen, würde man die Möglichkeit zunächst über eine Ausbildungsstelle gründlich zu beobachten und sie längere Frist hindurch provisorisch auf Bewährung an einer Volkshochschule zu beschäftigen. Je schlechter die Verhältnisse, desto besser die Auslese.“

 

Quellle: Weitsch, Eduard (1926): Lehrerfrage der Volkshochschule; in: „Freie Volksbildung“, Heft 3, S. 237-244

 

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Letzte Änderung: 01.06.2017

Klaus Heuer