„Organisationsform literarisch interessierter Bürger im 18. und 19. Jh. zum gemeinsamen Bezug der für den einzelnen oft preislich unerreichbaren Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, die entweder wie beim heutigen Lesezirkel unter den Mitgliedern in fester Reihenfolge zirkulierten (Umlaufgesellschaften) oder in örtlichen Lesekabinetten zur Einsicht auslagen. Die stets lokal, zum Teil auch sozial begrenzten L. entwickelten sich aus dem bürgerlichen Bildungsenthusiasmus ab rd. 1750 und werden später, teils unter Druck der Zensur, zu allg. lit.-kulturellen und geselligen Klubs, zum Teil mit politischen Ambitionen. Mit der Massenproduktion billiger Zeitschriften und Bücher Ende des 19. Jh.´s erlöschen sie oder werden durch kommerzielle Leihbibliotheken abgelöst. Die 1977 gegründete Deutsche Lesegesellschaft dient der Leseförderung und –motivierung bisheriger Nichtleser.“ (Wilpert 2001, S. 461)

Diese Definition aus einem literaturwissenschaftlichen Handbuch gibt einen ersten Überblick, was die Lesegesellschaft ausmachte. Sie benennt die Verfasstheit als (vereinsmäßige) Organisation als erstes Kriterium und die gesellschaftliche Trägergruppe dieser Vereine: das Bürgertum, das sich von höfisch-ständischen Vorstellungen unabhängig zu machen versuchte. Sie weist zudem auf die materielle Notwendigkeit hin, Geschäftsmodelle zu entwickeln, um dem schnell wachsenden Buch-Zeitschriften und –Zeitungsmarkt zu entsprechen.

Auch der Hinweis auf die Unterscheidung von Lesegesellschaft mit und ohne Vereinslokal, also eigenen Räumlichkeiten, ist wichtig. Hier schließen sich dann die Möglichkeit der Geselligkeit des Bildungsprozesses und des Einübens diskursiver Praktiken in Veranstaltungen an. Einsichtig wird auch, dass die Lesegesellschaften insbesondere wegen der Weiterentwicklung der Produktionsmittel und kostengünstigerer Distributionswegen für Gedrucktes relativ schnell an Attraktivität verlor. Neben dem schnell aufkommenden Leihbibliothekswesen entstand rasch das öffentliche Bibliothekswesen (Geisler 1994). Sie weist auch auf den Mentalitätswandel beim Lesen hin, der in der Literatur als „Leserevolution“, nämlich als der radikale Wechsel vom intensiven zum extensiven Lesen bezeichnet wird (Engelsing 1974, Schenda 1976 und 1977). Außerdem gibt sie Hinweise auf unterschiedliche Motive – politische und unpolitische Lesegesellschaften - und den teilweise von außen erzwungenen Funktionswandel.

Bis zu 600 solcher Vereine mit ca. 50.000 Mitgliedern werden für den Zeitraum von 1780 bis 1848 in Deutschland angenommen. Die Lesegesellschaft war eine europäische Erscheinung, wobei in England schon sehr früh neben den „Reading Societies“ auch das Leihbibliothekswesen als Bestandteil von Friseurgeschäften entwickelt wurde (Dann 1981).

Der idealtypische Aufbau umfasste: Bibliothek mit Ausrichtung auf aktuelle Literatur und Periodika, Zeitschriften und Zeitungen, wobei die Journale die ganze Breite der wissenschaftlichen und schöngeistigen Fachgebiete abdecken sollten; Leseräume mit festen Öffnungszeiten; Konversationsraum, auch für Veranstaltungen, ein Saal für gesellige Veranstaltungen, wie z.B. Bälle oder Musik, und Spielzimmer mit Billard u.a.

Nach H. Dräger gibt es mindestens drei unterschiedliche pädagogische Konzeptionen der Lesegesellschaften:

  1. Individualistische, ausschließlich auf Selbstbildung bezogene (Krünitz)
  2. „Schulungsstätten des Gemeingeistes“ (Welcker)
  3. Volksaufklärung, patriarchalische Führung des Volkes zu Bildung und Aufklärung durch die begründete Auswahl guter Bücher (Dräger 1979, 27)

Die unterschiedlichen Typen von Lesegesellschaften sowie die verschiedenen Formen als auch den Funktionswandel gilt es stärker zu berücksichtigen.

Den Funktionswandel beschreibt Ulrich Schmid wie folgt: „Mit dem weitgehenden Scheitern der politischen Ziele der deutschen Bourgeoisie nach 1815 und der Unterdrückung staatsbürgerlichen „Räsonnierens“ traten die ursprünglichen Bildungsziele der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert in den Hintergrund und die Lesevereine wandelten sich zu „geselligen Vereinen“. (Schmid 1998, S. 87)

Für die Erwachsenenbildung stellt die Lesegesellschaft die erste Institutionalform  (Tietgens 1994, S. 26) dar, ausgedrückt durch die Verfasstheit als Verein. Hierbei haben auch Selbstorganisation und Selbsthilfe eine hohe Bedeutung. Weiterhin lassen sich erste Ansätze der Entwicklung von Programmplänen, in Form einer inhaltlich begründeten Veranstaltungskonzeption nachweisen. Auch ein bis heute wirksamer Bildungsbegriff von Selbstbildung und Gemeinsinnstiftung war Bestandteil der Lesegesellschaft. Es wurden "Lernen en passant", informelles Lernen und selbstgesteuertes Lernen in einem organisierten Rahmen praktiziert.

Archive:

Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur 236/17128: Die im Großherzogthum bestehenden Vereine betreffend. 1851-1858

Stadtarchiv Freiburg: Signatur DWE 4245: Museumsgesellschaft

Literatur:

Bachmann, Martin (1993): Lektüre, Politik und Bildung. Die schweizerische Lesegesellschaften des 19. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Kantons Zürich. Frankfurt a.M.

Benz, Klaus-Werner/ Dold, Ulrich/ Kalchthaler, Peter (Hrsg.) (2006): 200 Jahre Bürgerkultur. Die Museumsgesellschaft Freiburg i.Br. e.V.. Freiburg

Dann, Otto (Hrsg.) (1981): Lesegesellschaften und bürgerliche Revolution. Ein europäischer Vergleich. München

Dräger, Horst (1979): Volksbildung im Deutschland im 19. Jahrhundert, Band 1. Braunschweig

Engelsing, Rolf (1974): Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500-1800. Stuttgart

Geisler, Herbert V. (1995): Buch und Erwachsenenbildung. Eine historische Untersuchung zu Aspekten der Interdependenz von öffentlichem Bibliothekswesen und Erwachsenenbildung (1714-1914). Regensburg

Habermas, Jürgen (1962): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Darmstadt

Krünitz, Johann Georg (Hrsg.) (1799): Encyklopädie, oder allgemeines System der Staats-,, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft. 77. Theil. Berlin, S.278-284 

Liesegang, Thorsten (2000): Lesegesellschaften in Baden 1780-1850. Ein Beitrag zum Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit. Berlin

Nipperdey, Thomas (1976): Verein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. Und frühen 19. Jahrhundert. Eine Fallstudie zur Modernisierung I, in: Gesellschaft, Kultur, Theorie. Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte, Göttingen, S.174-205

Prüsener, Marlies (1972): Lesegesellschaften im 18. Jahrhundert. Frankfurt a. M.

Röhrig, Paul (1987): Erwachsenenbildung, in: Handbuch der Bildungsgeschichte Band 3. München, S.334-361

Schenda, Rudolf (1976): Die Lesestoffe der kleinen Leute. Studien zur populären Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. München

Schenda, Rudolf (1977): Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1919. München

Schmid, Ulrich (1998): Buchmarkt und Literaturvermittlung; in: Schmid, Ulrich (Hrsg.), a.a.O., S.60-93

Siegert, Reinhart (2005): Volksbildung im 18. Jahrhundert; in: Hammerstein, Notker/Herrman, Ulrich (Hrsg.): Handbuch der Bildungsgeschichte. Bd. 2. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800. München, S.443-485

Stein, Peter (1998) Sozialgeschichtliche Signatur 1815-1848; in: Schmid Ulrich (Hrsg.): Zwischen Revolution und Restauration 1815-1848. München, S. 16-37

Stürzel-Prüsener, Marlies (1981): Die deutschen Lesegesellschaften im Zeitalter der Aufklärung, in: Dann, Otto (Hrsg): Lesegesellschaften und bürgerliche Revolution. Ein europäischer Vergleich. München, S.71-86

Tietgens, Hans (1994): Zwischenpositionen in der Geschichte der Erwachsenenbildung seit der Jahrhundertwende. Bad Heilbrunn

Tilgner, Hilmar (2001): Lesegesellschaften an Mosel und Mittelrhein im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Stuttgart

Wilpert, Gero von (2001): Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart

Welcker, Carl Theodor (1840): Lesegesellschaften. In: Rotteck, Carl von/Welcker, Carl Theodor: Staatslexikon oder Encyklopädie der Staatswissenschaften. Band 9. Altona, S. 709-713

Wießner, Mathias (2004): Die Journalgesellschaft. Eine Leipziger Lesegesellschaft um 1800; in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte. Wiesbaden, S.103-175

Internetquellen:

Laufendes Programm der Museumsgesellschaft Freiburg; unter: http://www.museumsgesellschaft-freiburg.de/aktuell.html

Homepage der Museumsgesellschaft Freiburg, unter: http://www.museumsgesellschaft-freiburg.de/

Geschichte der Museumsgesellschaft Freiburg, unter: http://www.museumsgesellschaft-freiburg.de/geschichte.html

Illustrationsmaterial:

Hasenclever, Johann: Das Lesekabinett, Zugriff am: 18.04.2017. Verfügbar unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johann_Peter_Hasenclever,_Das_Lesekabinett_(1843).jpg?uselang=de

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Letzte Änderung: 20.04.2017

Klaus Heuer