Die „Deutsche Sprachlehre für die Damen“, die Karl Philipp Moritz (1756-1793) im Jahr 1792 verfasste, war eine Sprachlehre in Briefen für gebildete Frauen. Sie vermittelte eine Vertiefung und Systematisierung der grammatikalischen Kenntnisse im Deutschen. Wegweisend ist an dieser Sprachlehre zum einen die Form, die eine spezifische dialogische Ansprache ist, zum anderen aber auch, dass sie die bisherige Form von Sprachlehren sprengte und eine ästhetische und intellektuelle Herangehensweise mit der Sprachvermittlung verknüpfte.

Die Sprachlehre verbindet literarische Stilistik mit der Sprachdidaktik. Sie lässt die Sprachdidaktik in Literatur aufgehen und umgekehrt. Sie schafft somit einen experimentellen, ästhetischen Zugang zur Sprache und erlaubt dem Erwachsenen die Sprache neu zu entdecken.

Karl Philipp Moritz war der Verfasser von Romanen, kunsttheoretischen Abhandlungen und Schriften über Grammatik und Sprachphilosophie, Mythologie, Altertumskunde, Psychologie und Pädagogik. Mit seinen experimentellen, auf Selbst- und Fremdbeobachtung ausgerichteten Werken kann er als ein wichtiger Wegbereiter der Aufklärung gelten. Er war als Hauslehrer und später als Professor für Ästhetik an der Berliner Universität beschäftigt. Er reiste für längere Zeit nach England und Italien und verfasste auch eine italienische Sprachlehre. Das von ihm herausgegebene „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, in denen Pathologien des Lernens anhand von Einzelfallbeschreibungen aufgeführt werden, kann als ein erster Ansatz empirischer Lernforschung gelten (Petersen 2012).

Quelle:

„Ein Knabe kletterte auf einen Baum

Der an einem Fluße stand,

Wollte eine Kirsche pflücken,

Faßte einen Ast,

Der Ast zerbrach,

Der Knabe

Fiel in den Fluß sank und ertrank.

[…]

Die ersten Wörter, bei denen noch alles stille stand, waren bloße Namen und Benennungen von Dingen, sie heiße deswegen Nennwörter; diejenigen aber, welche Leben und Bewegung in das Gemälde brachten, waren keine Benennungen von Dingen, denn unter kletterte Z.B. kann ich mir ja keine Sache denken, sondern sie zeigten die mannichtfaltigen Arten des Zusammenhangs, und der Veränderungen und Bewegungen der Dinge untereinander an, darum heißen sie Zeitwörter, weil zu einer jeden auch kleinsten Veränderung oder Bewegung allemal Zeit erfordert wird.“ (Moritz 1988, 22)

Literatur:

Moritz, Karl Philipp (1988): Deutsche Sprachlehre für die Damen. Freiburg (zuerst 1792)

Moritz, Karl Philipp Publikationen Online, unter: http://gutenberg.spiegel.de/autor/424

Petersen, Katja (2012): Das Lernsubjekt in der Spätaufklärung. Der Widerspruch als Lernanlass in Karl Philipp Moritz' "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde"; in: REPORT 3/2012, S.69-84

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Letzte Änderung: 04.07.2017

Klaus Heuer