Die französische Universitätsausdehnung ist eng an die radikalen französischen Universitätsreformbestrebungen Ende des 19 Jahrhunderts, an soziale Bewegungen, wie die Genossenschaftsbewegung, und an die Gewerkschaftsbewegung gebunden. Tom Steele, einer der besten Kenner der Universitätsausdehnung, verknüpft die Entstehung der Universités Populaire auch mit den Ambitionen der Freimaurerlogen in Frankreich (Steele 207, 146). Nach T. Steele war es insbesondere ihr symbolischer politischer Wert, der ihre Bedeutung ausmachte. Nach Stuart Marriott war die Bewegung der Université Populaire zudem stark anarchistisch geprägt (Marriott 1992, 103ff).

George Deherme (1870-1925) gründete die erste Université Populaire 1898 in Paris. S. Marriott charakterisiert sein Bildungskonzept folgendermaßen:

„The anarchist strand was a different matter. Deherme demanded completely open discussion and rejection of all imposed intellectual systems. Educational works should be a non-aligned, organic social activity, unconditionally open to all beliefs, all endeavours, all hearts; it was permissible to exclude only what cut itself of the community. From the start his own popular university set the pattern by promoting an enormously eclectic programme.” (Marriott 1992, 104)

Adressaten des Programms waren Gewerkschaftler und Aktivisten der Arbeiterklasse, die eine Art autonome proletarische Elite bilden sollten. Eine Vielzahl von Intellektuellen und Künstler engagierten sich für dieses Projekt, so z.B. Emile Zola, Anatole France und Gabriel Seailles. Letzterer wurde auch Präsident der Einrichtung. Zwischen 1899 und 1914 wurden über 230 Einrichtungen mit 50.-60.000 Teilnehmenden über das ganze Land errichtet. Ein Drittel der Einrichtungen war in ländlichen Orten untergebracht und führten oft nicht mehr als einen Kurs durch. Im hoch industrialisierten Norden Frankreichs gab es ungefähr 75 Einrichtungen. Je nach der lokalen Zusammensetzung des Trägerkreises gab es auch stärker technisch und berufsbezogen ausgerichtete Einrichtungen, so z.B. in Marseille. Die Einrichtungen erhielten keine öffentliche finanzielle Förderung.

Die heute bestehenden Universités Populaire haben mit diesen Traditionen wenig zu tun. Sie ähneln den Volkshochschulen in Deutschland, sind aber stärker auf Freizeitangebote ausgerichtet.

Literatur:

Caldwell, T. B. (1962): Workers‘ Education in France. Dissertation an der University of Leeds. Unveröffentlicht

Elwitt, Sandford (1982): Education and the Social Question. The Universités Populaire in Late Nineteenth Century France; in: History of Education Quarterly, S.55-69

Marriott, Stuart (1987): Un role social pour les universities? Reactions francaises au movement d’extension des universités en Angleterre dans les années 1890s; in: Überschlag, G./Müller, F.(Hg.): Education Populaire. Objectif d‘ hier et d‘ aujourd’hui. Lille, S.41-67

Marriott, Stuart (1992): Popular Universities in Europe; in: Hake, Barry, J./Marriott, Stuart (Hg.): Adult Education between Cultures. Encounters and identities in European Adult Education since 1890. Leeds, S.86-112

Mercier, L (1987): L’ Université Populaire on France. Une realité populaire; in: Überschlag, G./Müller, F.(Hg.): Education Populaire. Objectif d‘ hier et d‘ aujourd’hui. Lille, S.167-177

Steele, Tom (2007): Knowledge is Power. The Rise and Fall of European Popular Educational Movements, 1848-1939. Frankfurt a.M.

Internetquellen:

Kurzbeschreibung, unter: http://fr.wikipedia.org/wiki/Universit%C3%A9_populaire

Homepage der Université Populaire L‘ Up Berry, unter: http://upberry.org/about/qui-sommes-nous/

Kurzbiographie von George Deherme, unter: http://fr.wikipedia.org/wiki/Georges_Deherme

 

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Letzte Änderung: 01.06.2017

Klaus Heuer