Nach Hans Altengruber, der eine umfassende Monografie zu diesem Thema verfasst hat, weist die Universitätsausdehnung in Österreich zwei Wurzeln auf: „die Wegbereiter im eigenen Land und das Vorbild der englischen University Extension.“ (Altengruber 1995, 15)

Zu diesen Wegbereitern zählte insbesondere Carl Bernhard Brühl (1822-1899), der ab 1863 jeweils sonntags öffentlich zugängliche Vorlesungen für Frauen und Männer abhielt. In einem Vortrag von 1868 der den Titel: „Volksbildung und Universität – Priestertum und Naturwissenschaft“ trug, vertrat er dieses Konzept folgendermaßen:

„Die Erweckung des geistigen Menschen im ärmsten Staatsbürger – diese Erweckung und Bewegung könne nicht am Kinde, kaum am Jünglinge, könne nur am Erwachsenen vorgenommen werden. Nicht die Volks- und Mittelschule sind es also, welche eine der notwendigsten wahrer Volksbildung zu lösen vermögen; schon wegen ihres natürlich minderjährigen Publikums. Die höchsten Lehranstalten im Lande sind es vielmehr ganz allein, die Universitäten, welche unter die, nicht mehr zum Schulbesuch verpflichteten, aber deshalb doch noch, wie die Erfahrung zeigt, vielfach und in sehr wesentlichen Dingen, unterrichteten Erwachsenen, jene Kenntnisse und Begriffe zu verbreiten imstande sind, die alleine erst diese Erwachsenen wahrhaft mündigen Menschen, zu Bürgern und Bürgerinnen im berechtigten Sinne des Wortes zu machen vermögen.“ (Brühl , zitiert nach Altengruber 1995, 18)

Neben verschiedenen Persönlichkeiten waren auch die wissenschaftlichen Vereine und gelehrten Gesellschaften wichtige Wegbereiter. Für Wien ist hier insbesondere der „Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse“ zu nennen. Seit 1860 veranstaltete er populäre Vorträge zu naturwissenschaftlichen Themenstellungen. Der 1887 gegründete Wiener Volksbildungsverein übernahm auch eine tragende Rolle. Die Einzelvorträge wurden sonntags nachmittags und abends abgehalten. Da der Vereinsvorstitzende Universitätsprofessor war und viele jüngere Professoren als Vortragende in Erscheinung traten, war hier eine Verbindung zur Universität hergestellt. 1894 wurde offiziell ein Antrag auf die Anbindung an die Wiener Universität gestellt und bereits ein Jahr später befürwortet und realisiert.

Altengruber beschreibt die Aufgabe der Universität folgendermaßen: „Die Universität Wien übernahm ab dem Studienjahr 1895/96 zu ihrer bisherigen traditionellen Aufgabe der Lehre und Forschung, nun auch die Volksbildung. Diese neue Aufgabe diente nach §1 des Statuts dem Zweck, die wissenschaftliche Ausbildung jener Volkskreise zu fördern, welchen bisher die akademische Bildung unzugänglich war.“ (Altenhuber 1995, 35)

Ludo Moritz Hartmann (1865-1924) war der Initiator der Volkstümlichen Universitätsvorträge und ab 1895 für die Organisation der Kurse an der Wiener Universität zuständig. Er entwickelte und realisierte das Konzept einer systematischen Vertiefung von Einzelvorträgen in sechsmonatigen Vortragsserien mit Themenschwerpunkten.

Die Wiener Universität hatte eine Vorbildfunktion für die Universitäts-Ausdehnung in Österreich-Ungarn; sie ergriff auch die Initiative zur Einrichtung des Deutschen Volkshochschultages.

Im Studienjahr 1895/96 nahmen 6.198 Teilnehmer an 58 Kursen teil. Im Studienjahr 1913/14 waren es schon 14.994 Teilnehmer in 120 Kursen (Altenhuber 1995, 49). Insbesondere seit Anfang der 1930er Jahre fand jedoch eine stark rückläufige Entwicklung der volkstümlichen Universitätsvorträge statt.

Archive:

Österreichisches Volkshochschularchiv, Wien

Literatur:

Altenhuber, Hans (1995): Universitäre Volksbildung in Österreich 1895-1937. Wien (mit Quellenanhang)

Brühl, Carl Bernhard (1888): Universität und Volksbildung – Priestertum und Naturwissenschaft, gehalten. 2. Auflage. Wien

Filla, Wilhelm (2006): Volkstümliche Universitätskurse - ein historisches wie aktuelles Modell der Wissenschaftsverbreitung; in: Faulstich, Peter (Hg.): Öffentliche Wissenschaft. neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Bielefeld, S. 51-72

Marriott, Stuart (1995): English-German Relations in Adult Education 1875-1955. A commentary and select bibliograph. Leeds

Internetquellen:

Beschreibung unter: http://www.adulteducation.at/de/historiografie/institutionen/288/

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Letzte Änderung: 25.04.2017

Klaus Heuer