Einführung:

In der erziehungswissenschaftlichen Literatur ist Wilhelm von Humboldt (1767-1835) als der Begründer des neohumanistischen Bildungsbegriffs mit seiner strikten Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung im Gymnasial- und Hochschulbereich ausgewiesen. Seine beratende Tätigkeit zum Aufbau eines öffentlichen Bildungssystems für das Preußische Königreich ist dagegen weniger bekannt. Der dabei entstandene Bericht und die Empfehlungen im „Königsberger und Litauischen Schulplan“ zur Bildungsorganisation wurden von Joachim H. Knoll und Horst Siebert (Knoll/Siebert 1969) herausgegeben und kommentiert.

Insbesondere in Humboldts „Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König“, der die Grundlagen für einen Nationalerziehungsplan umfasst, wird explizit die Interdependenz des Erziehungserfolgs von Kindern vom sittlichen und moralischen Verhalten der Erwachsenen und ihrer nationalen Einbindung herausgearbeitet und so ein auf Nation und Religiosität basierendes Modell lebenslangen Lernens begründet.

Quelle:

„Die schwierige Aufgabe ist, die Nation geneigt zu machen und bei der Geneigtheit zu erhalten, den Gesetzen zu gehorchen, dem Landesherrn mit unverbrüchlich treuer Liebe anzuhängen, im Privatleben mässig, sittlich, religiös, zu Berufsgeschäften thätig zu sein und endlich sich gern, mit Verachtung kleinlicher und frivoler Vergnügungen, ernsthaften Beschäftigungen zu widmen.

Dahin aber gelangt die Nation nur dann, wenn sie auf der einen Seite klare und bestimmte Begriffe über ihre Pflichten hat und diese Begriffe, vorzüglich durch Religiosität, in Gefühl übergegangen sind. Auf dieser Grundlage, die auch dem gemeinsten Volke unentbehrlich ist, entwickelt sich hiernach zugleich das Höchste in Wissenschaft und Kunst, das auf einem anderen Weg befördert, leicht in unfruchtbare Gelehrsamkeit oder schwärmerische Träumerei ausartet.

Das hauptsächlichste Bemühen muss daher dahin gehen, durch die ganze Nation, nur nach Maßgabe der Fassungskraft der verschiedenen Stände, die Empfindung nur auf klaren und bestimmten Begriffen beruhen zu lassen und die Begriffe so tief einzupflanzen, dass sie im Handeln und dem Charakter sichtbar werden, und nie zu vergessen, dass religiöse Gefühle dazu das sicherste und beste Bindungsmittel an die Hand geben.

Die wohltätigsten Folgen aufgeklärter Religiosität und gut geordneter Erziehung recht eng zu verbinden, hat die Section auch noch eine andere dringende Veranlassung in der Langsamkeit gefunden, in der sonst die Erziehung allein mehr für die künftige als die jetzige Generation wirke. Es ist durchaus ein Irrtum, wenn man glaubt, auch der beste Unterricht könne auf die Jugend seine wahrhaft heilsamen Folgen ausüben, wenn Moralität und Religiosität der Erwachsenen vernachlässigt bleiben.

Soll das Verbesserungsgeschäft der Nation mit Erfolg angegriffen werden, muss man es zugleich von allen Seiten beginnen und nicht glauben, die jüngere Hälfte dem Vordertheil der älteren entreissen zu können. Wie also die Erziehung auf die Jugend, muss der Gottesdienst auf die Erwachsenen wirken und nur wenn beide sich vollkommen unterstützen, ist der Erfolg erst wahrhaft segensreich. Denn es ist unleugbar, dass jetzt auf dem Lande die geringe Sorgfalt für die Erziehung der Kinder nachtheilig auf die Moralität erst der soeben der Schule entgangenen jungen Leute und dann auch der vollkommen Erwachsenen wirkt, und dass von wirklich streng und sittlich erzogenen Kindern von selbst eine moralische Scheu erst auf die noch nicht verdorbenen, nur gleichgültigen Eltern und dann auch auf die anderen übergehen würde.“ (Knoll/Siebert 1969, 75/76)

Archive:

Bestandsnachweis für Wilhelm von Humboldt in der Staatsbibliothek Berlin, Nachweis von Archivbeständen und Fundorten: http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Nachlass W. v. Humboldt: http://archiv.bbaw.de/archiv/archivbestaende/abteilung-nachlasse/nachlasse/humboldt_wilhelm

Geheimes Staatsarchiv Berlin, Nachlass W. v. Humboldt: http://www.gsta.pk.findbuch.net/php/rechter_be_e.php?ar_id=3676&id=1443&exp=res&high[]=Humboldt

Literatur:

Humboldt, Wilhelm von (1809): Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König; in: Knoll. H. Joachim/Siebert, Horst (1969): Wilhelm von Humboldt. Politik und Bildung. Heidelberg, S.75f

Internetquellen:

Biografie von W. v. Humboldt unter: http://www.sammlungen.hu-berlin.de/dokumente/171/

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Letzte Änderung: 02.06.2017

Klaus Heuer