Bereits zum zweiten Mal fand das deutsch-kanadische Forum „Integration durch Weiterbildung“ statt, diesmal in Präsenz und hybrid. Am Ende der Veranstaltung waren sich alle deutschen und kanadischen Teilnehmenden aus Forschung und Praxis einig: trotz aller Unterschiede der Länder und Systeme bestehen viele gleichartige Herausforderungen. Mit Blick auf das deutsch-kanadische Forum zeigten sie großes Interesse an einer Fortführung des Dialogs und an weiterer länderübergreifender Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis: Um den Wert von Integration durch Weiterbildung und die ihr innewohnende Komplexität greifbarer zu machen und um künftige politische wie förderstrategische Entscheidungen auf eine verbesserte Grundlage zu stellen.

Das Forum ist ein wesentlicher Teil des Projekts Adult Learning and Education in Immigrant Settlement and Integration (ALE-in-ISI), ein Kooperationsprojekt der University of British Columbia (UBC) und des DIE. Es dient der Vernetzung von Forschenden und Weiterbildungsanbietern, die staatlich geförderte Weiterbildungsangebote zur Förderung von Integration anbieten und an einer aktiven Beteiligung in der Entwicklung der deutsch-kanadischen Partnerschaft interessiert sind. Die Partnerorganisationen aus Deutschland und Kanada trafen sich mit am Projekt beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DIE sowie des Kooperationspartners der University of British Columbia (UBC), Vancouver, Kanada, vor Ort in Bonn und hybrid via Zoom, um sich auszutauschen. Den Rahmen setzten die Fragen:

  • Was können Forschende zur Integration beitragen?
  • Wie können Wissenschaft und Praxis miteinander und untereinander im Projekt in Dialog treten, um Integration durch Weiterbildung zu verbessern?

Mit den deutschen Partnerorganisationen wurde der aktuelle Stand des Projekts reflektiert und der transatlantische Austausch vorbereitet. Dr. Katrin Kaufmann-Kuchta gab dazu Überblick zum aktuellen Stand der Projektarbeiten in Deutschland. Im ersten Projektjahr lag der Fokus auf der Erarbeitung eines Überblicks zum Forschungsstand zu den Wirkungen von Maßnahmen des „Gesamtprogramms Sprache“ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). 2026 stehen Analysen zur Wirkung von Integrations- und Berufssprachkursen auf die soziale Integration im Zentrum des Projekts, außerdem eine Analyse politischer Dokumente (z.B. Berichte, Verordnungen) zur Rolle von Weiterbildung innerhalb der deutschen Integrationspolitik nach 2005. 2027 werden Fallstudien zum Thema in Frankfurt und Köln durchgeführt.

(Ein-)Blick über den Ozean

Prof.‘in Hongxia Shan und Prof. Tom Sork von der UBC stellten die Grundzüge von Kanadas Ansatz zur Integration von Zugewanderten und Geflüchteten vor. In Kanada sind die „whole of government“- und „whole of society“-Ansätze zentrale Eckpunkte: erfolgreiche Integration von Zugewanderten erfordert die Mitwirkung aller Regierungsebenen, des privaten und öffentlichen Sektors sowie der Zivilgesellschaft. Mit einem Fokus auf Organisationen, die Unterstützungsangebote zur Integration anbieten, skizzierten sie strategische Partnerschaften und die Erschließung weiterer Finanzierungsquellen als Reaktionen der Praxis auf aktuelle Herausforderungen. Beide Impulse wurden angeregt diskutiert, beispielsweise hinsichtlich der unterschiedlichen Wahrnehmung der Definition von Integration von Praxis und Forschung oder der Bedeutung des Arbeitsmarkts in der Integrationsarbeit.

Deutschland meets Kanada

Ausgangspunkt des deutsch-kanadische Austauschs war ein übergeordneter Vergleich von Bildungswegen, -politiken und -systemen in beiden Ländern durch Forschende des DIE und der UBC. In Deutschland sind Integrations- und Sprachkurse stark standardisiert und staatlich gesteuert, die Forschung zeigt positive Effekte auf Beschäftigung und Sprache, aber es gibt nur begrenzte Ergebnisse zur Frage der sozialen Teilhabe zugewanderter Menschen. Kanada setzt stark auf gemeinnützige Organisationen und einen wettbewerblichen Ansatz. Die Politiken betonen Multikulturalismus, Zusammenarbeit (z.B. von gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen) und umfassende Evaluationen. Hier bescheinigt die Forschung positive Effekt auf das Zugehörigkeitsgefühl und die Beschäftigungszahlen der zugewanderten Menschen. Die Zahlen und Fakten wurden durch die Perspektive der Vertreter:innen der Praxiseinrichtungen aus beiden Ländern bereichert und diskutiert. Obwohl es zahlreiche Unterschiede zwischen Deutschland und Kanada gibt, nicht zuletzt durch die geographischen Gegebenheiten, ergaben sich im Verlauf des Austauschs verschiedene Erkenntnisse und Übereinstimmungen mit Blick auf relevante Fragen und Sichtweisen praktischer Bildungsarbeit für Integration. Beispielsweise waren die Erfahrungen der kanadischen Organisationen in der Akquise von Fördermitteln in einem wettbewerblichen System für ihre deutschen Pendants im Zusammenhang mit dem Imperativ, die eigene Arbeit immer wieder politisch legitimieren zu müssen, von großem Interesse.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Die Vertreterinnen und Vertreter beider Länder waren sich einig, dass die gängigen politischen Definitionen von erfolgreicher Integration hinterfragt werden müssen: Sie sind meist eng gefasst, zielen auf kurzfristige Ergebnisse ab und berücksichtigen die Perspektive der damit beauftragten Organisationen (und Teilnehmer/innen) zu wenig. Dadurch bleiben langfristige, gesellschaftlich hoch relevante und positive Effekte der Bildungsarbeit für Integration unsichtbar. So entsteht eine zunehmende Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Politik, den Anforderungen der Arbeitgebenden und der tatsächlich bereitgestellten Ressourcen für die Bildungsarbeit. Das hat handfeste Folgen in der Bildungspraxis, zum Beispiel im Umgang mit den Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung in der Bildung, der Arbeitswelt, aber auch der Verwaltung: So ist in beiden Ländern digitale (Grund-)Bildung zunehmend wichtig aber auch ein Problem in der Umsetzung. In Kanada vor allem hinsichtlich der Finanzierung, in Deutschland vor allem mit Blick auf die Inklusivität digitaler Angebote.

Kontakt für Anfragen zum Deutsch-Kanadischen Forum und Netzwerk am DIE:
Jan Koschorreck, koschorreck@die-bonn.de

Deutsche Partnerorganisationen:

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