In der Renaissance wurde versucht, Altes und Neues in positiver Art und Weise in Einklang zu bringen. Ausdruck davon sind: das Wiederentdecken antiker Texte, ihre Übersetzung in den Gegenwartshorizont, die kopernikanische Wende, die Entfaltung der Naturwissenschaften, die Stärkung der empirischen, auf Beobachtung aufbauenden Wissensproduktion, die Medienrevolution aber auch die Reformation. Dies ging zum Teil mit großen Widersprüchen und Konflikten einher, erlaubte allerdings den Schritt in die Moderne, wie er dann im 18. Jahrhundert Realität zu werden begann.

Für die Renaissance war kennzeichnend, dass das Versöhnungsprogramm von göttlichem und irdischem Wissen nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Die naturwissenschaftlichen Entdeckungen (Galilei, Kopernikus) hatten der aristotelischen wie der biblischen Naturdeutung zunehmend ihre Grundlage entzogen und damit der Stabilität und Gewissheit des Ganzen.

Es war eine Zeit, in der eine gesellschaftliche Minderheit, bestehend aus Künstlern, Wissenschaftlern, Höflingen und aufstrebender städtischen Mittelschichten, neue mentale, soziale und kulturelle gesellschaftliche Strukturen vorbereiteten, die erst mit der Universalisierung des Kapitalismus zur materiellen Realität wurden.

 „Unter diesen Bedingungen wird Lernen in seinem Verhältnis zum Wissen neu gewichtet. Nicht mehr das verfügbare Wissen und der Sinn- und Orientierung stiftende Zugang zu ihm allein stehen im Vordergrund, sondern der Zugang zum neuen Wissen und seiner Geltung im Horizont bestehender Weltordnung beherrscht den intellektuellen Diskurs um das Lernen.“ (Künzli 2004, 624)

Als zwei sich polar gegenüberstehende Protagonisten, von denen die weitere Entwicklung des Lernens stark beeinflusst wurde, können Johann Amos Comenius (1592-1670) und Francis Bacon (1561-1626) aufgefasst werden.

Für Jan Amos Comenius galt: „Seine Radikalität besteht in der Gleichsetzung von Lernen und recht Leben, das heißt, der Bestimmung des Menschen entsprechend zu leben. Comenius begreift Lernen als Weg zu Gott, als eine Rückkehr ins Paradies und Wiederherstellung der vollkommenen Ganzheit und göttlichen Ordnung...“ (624)

Lernen bleibt in diesem Konzept die Entfaltung eines Vorwissens, dem per Analogie nachgespürt wird. Es ist die Explikation des zweifelsfrei vorhandenen Wissens. Nach diesen Maximen entwickelte Comenius  in seinem Buch „Opera Dictatica omnia" auch sein sprachtheoretisch begründetes Didaktikmodell.

Dagegen entwickelte Francis Bacon in seinem Buch “The Avancement of Learning” (1605) einen experimentellen Lernbegriff.

“... an die Seite der Bearbeitung von Wissen tritt explizit die Erfindung von Wissen. Lernen nimmt seinen Ausgangspunkt nicht mehr beim Ganzen, sondern im einzelnen Faktum. Es wird neu begriffen als eine Überprüfung von Vorwissen durch methodisch kontrollierte Erfahrung…„Das Lernen wird freigesetzt von der Bindung an die Autorität der Texte und begibt sich….auf offene See.“ (626)

Die überwiegende Mehrzahl der Menschen blieb von dieser Art gelehrter Kontroverse ausgeschlossen, „hatte allenfalls vermittelt über Predigt, religiöse Unterweisung, zufällige festtägliche Ereignisse an ihr teil. Sie bezog ihre geistig-kulturelle „Sozialisation“ aus der alltäglichen Lebenserfahrung und Überlieferung ihrer eingegrenzten Umwelt.“ (Hammerstein 1996, 105)

Was von diesen Kontroversen in der Lebenswelt der sog. „Kleinen Leute“ in der frühen Neuzeit ankam, ist bislang unerforscht.

„Das meiste zum alltäglichen Leben notwendige Wissen erwarb man zu dieser Zeit noch außerhalb der Institution Schule, ja selbst Lesen und Schreiben konnte man ohne sie lernen. In schulischer Sicht mag das Volk ungebildet gewesen sein, gleichwohl ist aber mit den Kategorien der studierten Aufklärer der allgemeine Bildungsstand der frühen Neuzeit nicht zu erfassen.“ (Dülmen 1994 Bd. 3, 152)

Literatur:

Dülmen van, Richard (1994): Kultur und Alltag in der frühen Neuzeit. Band 3. München

Hammerstein, Notker (Hrsg.) (1996): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band I: 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe. München

Künzli, Rudolf (2004): Lernen, in: Benner, Dietrich/Oelkers Jürgen (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Pädagogik Weinheim, S.620-637

Internetquellen:

Comenius, Johann Amos (1657): Opera didactica omnia. Amsterdam; lateinischer Volltext unter: http://www.uni-mannheim.de/mateo/camenaref/comenius.html (22.01.2015)

Kurzbiografie von Johann Amos Comenius, unter: . http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Amos_Comenius

Bacon, Francis (1605): The Advancement of Learning. London; englischer Volltext unter: http://www.gutenberg.org/ebooks/5500 (22.01.2015)

Kurzbiografie von Francis Bacon, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Bacon

 

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Letzte Änderung: 06.06.2017

Klaus Heuer