In der älteren Forschung zur Alphabetisierung herrschte eine defizitorientierte Betrachtungsweise der illiteraten einfachen Menschen vor (z.B. Schenda 1970). Sie orientierte sich ausschließlich an der Teilhabe an den schriftlichen literarischen Produkten der Hochkultur.

Es wurde bislang wenig untersucht, inwieweit der Grad der Literalität an die lebenspraktischen ökonomischen Rahmenbedingungen gebunden war (z.B. die Fähigkeit Erb- und andere Verträge und Rechnungen zu lesen), noch wurde ausreichend untersucht, inwieweit die einfachen Menschen über eigene Textsorten verfügten, in denen sie sich Ausdruck verschafften (z.B. bäuerliche Anschreibebücher), noch wurde gefragt, inwieweit es innerfamiliär, berufsbezogen oder auch in der Nachbarschaft eine kompensatorische Teilhabe am Lesen und Schreiben gab (z.B. in Form eines die Kinder begleitenden schulbegleitenden Lernens der Erwachsenen). Ähnliches gilt auch für die Übersetzung von Illustrationen, Bildern, etc. in eine Bildsprache.

Für die Zeit des hohen Mittelalters schreibt Peter Nusser zur Situation in der Stadt:

„Dass sich gerade in der Stadt ein intensives literarisches Leben entfalten konnte, liegt zunächst schon darin begründet, dass die Schriftlichkeit in ihr eine große Rolle spielte. Es ist wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden, in welchem Maße das komplexe Sozialgebilde der Stadt schriftliche Äußerungen erforderlich machte. Sie betrafen sowohl die Gestaltung der inneren Verhältnisse der Stadt als auch die Regelung ihrer nach außen gerichteten Beziehungen und nicht zuletzt auch – dem entstehenden Selbstbewusstsein der Stadtbürger entsprechend – die Stadtgeschichte. Offenbar wurde durch das Zusammenleben so vieler Menschen mit unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen auf so engen, ummauerten Raum die „Vor-Schrift“ geradezu provoziert. Entsprechend wuchs auch die Rechtsliteratur an.“ (Nusser 2012, 265/266)

E. Hinrichs schreibt davon, dass das „Lernen ohne Schule“ bzw. „die schulfreie Übermittlung der elementaren Kulturtechniken“ (Hinrichs 1998, 45) insbesondere auf dem Land systematischer erforscht werden sollten.

Auch die Qualität oraler Erfahrungsproduktion und Überlieferung und die Spezifizität der Übergänge von einer oralen zu einer schriftlichen Kultur am Anfang der Neuzeit werden bis heute wenig beachtet.

Zu diesen Themenstellungen haben die Kulturgeschichtsschreibung zur frühen Neuzeit (v. Dülmen) und die reichhaltige Literatur zur Volksaufklärung des 17. Und 18. Jahrhunderts (Böning, Siegert) wichtige Teilergebnisse vorgelegt, ähnlich wie regionalgeschichtliche Analysen der Alphabetisierung (Hinrichs, Hofmeister), die von der historischen Bildungsforschung aufgegriffen werden könnten.

Die regionalgeschichtliche Alphabetisierungsforschung für Nordwestdeutschland (Hinrichs 1998) und Südniedersachsen (Hofmeister 1999) auf der Basis der Auswertung der Zivilstandsregister, die während der napoleonischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt wurden, zeigen eine hohe Signierfähigkeit der Bevölkerung. Und lassen auf einen höheren Alphabetisierungsgrad schließen als bisher angenommen.

Literatur:

Böning, Holger/Siegert, Reinhart (2001): Volksaufklärung. Bibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850. Band 1 und 2. Stuttgart

Dülmen, Richard van (1990): Kultur und Alltag in der frühen Neuzeit. Band 1: Das Haus und seine Menschen 16.-18. Jahrhundert. München

Dülmen, Richard van (1992): Kultur und Alltag in der frühen Neuzeit. Band 2: Dorf und Stadt 16.-18. Jahrhundert. München

Dülmen, Richard van (1994): Kultur und Alltag in der frühen Neuzeit. Band 3: Religion, Magie, Aufklärung 16.-18. Jahrhundert. München

Hinrichs, Ernst (1998): Zur Erforschung der Alphabetisierung in Nordwestdeutschland in der frühen Neuzeit; in: Conrad Anne/Herzig, Arno/Kopitzsch, Fanklin (Hrsg.): Studien zur Popularisierung der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert. Hamburg, S.35-56

Hofmeister, Andrea (1999): Ländliche Alphabetisierung in Südniedersachsen. „Großraum“ Göttingen und nordwestliches Harzvorland; in: Bödeker, Hans Erich/Hinrichs, Ernst (Hrsg.): Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit. Tübingen, S.11-32

Nusser, Peter (2012) Deutsche Literatur Vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Darmstadt

Schenda, Rudolf (1970): Volk ohne Buch. Frankfurt a.M.

Schmitt, Hanno/Böning Holger/Greiling, Werner/Siegert, Reinhart (Hrsg.) (2011): Die Entdeckung von Volk, Erziehung und Ökonomie im europäischen Netzwerk. Bremen

Kurzlink zu dieser Seite:
die-bonn.de/li/594

Letzte Änderung: 04.07.2017

Klaus Heuer