Publikation

Fußball und Bildung

Prof. Dr. Dr. h.c. Ekkehard Nuissl von Rein
wbv
Fußball und Bildung
DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung
7/2006
Bielefeld

Abstract

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist als gesellschaftliches Großereignis auch ein kollektiver Lernanlass – Grund genug für eine Weiterbildungszeitschrift, dem Thema ein Heft zu widmen. Jochen Kade deutet das Ereignis als „Lernzumutung” und meint damit nicht nur die „Erziehungs-Beziehung” zwischen dem DFB und dem deutschen Trainergespann um Jürgen Klinsmann. Dass der Identitätsbildung durch Fußball durchaus Grenzen gesetzt sind, erklärt Daniel Cohn-Bendit in einer europäischen Perspektive. Ein bisschen Selbstironie schadet dem Heft nicht: Michael Schemmann und Josef Schrader haben eigens Konzept für ein „Fußball-PISA für Erwachsene” entwickelt, das sie im Heft erläutern.

Inhalt

Haben also die europäischen Fußballwettbewerbe das europäische Bewusstsein und europäische Identität gefördert? Parallelen zwischen der politisch-wirtschaftlichen Integration Europas und der Geschichte europäischer Fußballwettbewerbe sind zwar nicht zu übersehen, reichen aber nicht hin, die Frage positiv zu beantworten. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft und deren Motto »Die Welt zu Gast bei Freunden« diskutiert der Autor bildungspolitische Integrationsfragen, wie sie sich durch die Einbürgerungstests deutscher Bundesländer ergeben.

In Fußballvereinen wird in vielfältiger Weise gelernt. Der Beitrag illustriert dies anhand des Trainerlizenz-Systems des Deutschen Fußball-bundes sowie an Initiativen zur Stärkung des Ehrenamtes in Vereinen durch spezielle Qualifizierungsstrategien. Den Beitrag ergänzt ein rückblickenden Text, der nachzeichnet, dass Vereine traditionell ein wichtiger Lernort ist, und im Bereich der Vereine auch die Wurzeln der Erwachsenenbildung liegen.

Der Beitrag zeigt am Beispiel des Amateurfußballs einen Zusammenhang zwischen institutioneller Bildungssozialisation, sportlicher Leistungsfähigkeit und habituellen Bildungsprozessen. Die Auseinandersetzung mit gehobenen schulischen Bildungsanforderungen bringt eine Persönlichkeitsstruktur hervor, die allgemein durch ein positives Leistungsbewusstsein gekennzeichnet ist und die die darauf aufgebauten und anerkannten persönlichen Fähigkeiten in spezifischen Feldern, wie dem Fußball, Gewinn bringend an die Identität rückzukoppeln und in allgemeine Handlungskompetenzen zu übersetzen vermag. Bildung und Fußball stehen in konstruktiver Beziehung zueinander.

Der Beitrag reflektiert, wie die Vorbereitungszeit auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland von Lernzumutungen und Lernerwartungen, von einer Metaphorik des Pädagogischen durchdrungen war. Er unterscheidet zwei Ebenen: Bezogen auf die gesamte Bevölkerung wurde die Erwartung gehegt, ein vorbildicher Gastgeber zu sein, der Fremdenfreundlichkeit und Servicementalität verinnerlicht hat. Im engsten Umfeld der Fußball-Nationalmannschaft werden Lern- und Erziehungszumutungen, insbesondere zwischen Bundestrainer und Deutschem Fußball-Bund, beleuchtet.

In diesem Beitrag wird das Kompetenzstufen-Modell der PISA-Studie auf den Gegenstandsbereich Fußball übertragen. Die Autoren definieren fünf Kompetenzstufen einer Fußball-Literacy als Grundlage für ein Erwachsenenbildungs-Curriculum. Anlass für den Beitrag ist die Ausrichtung der Fußball-Weltmeiserschaft im PISA-Verlierer-Land Deutschland. Wenigstens in Sachen Fußball-Wissen soll die Bevölkerung gut gerüstet sein.
Professor Michael Schemmann; Prof. Dr. Josef Schrader

Der Beitrag stellt das Programm »Football for development« vor, das wie andere ASA-Programme der InWEnt gGmbH jungen Erwachsenen ermöglicht, für drei Monate entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Afrika, Lateinamerika, Asien und Südosteuropa mitzugestalten. In den Projekten wird über Fußballbegeisterung vermittelt ein regionales Bildungs- und Kulturprogramm aufgebaut. Zugleich lernen die Teilnehmenden aus Deutschland Wertschätzung für Erfahrungen aus dem »Süden«. So wird das Bild des traditionellen Wissenstransfers von Nord nach Süd durchbrochen.

Der Beitrag diskutiert den bundesdeutschen »Orientierungskurs« und Entwürfe für »Einbürgerungstests« der Bundesländer im Kontext vergleichender Integrationspolitik. Integrationskurse und Staatsbürgerschaftstest sind in verschiedenen Einwanderungsländern zu einer gezielten integrationspolitischen Maßnahme geworden, die Bildungsfragen aufwirft. Nach einer Darstellung des Kontexts und der Darstellung von Unterrichtsmaterialien der Orientierungskurse deuten die Autoren die deutsche Entwicklung vor europäischem Hintergrund: Unter der Ägide der Innenministerien bilden die untersuchten Kurse nicht die Basis partizipatorischer oder emanzipatorischer Lern- und Bildungsanstrengungen, sondern sie geraten zu weichen Waffen der traditionellen, auf Ausschluss und Überwachung gerichteten Ausländerpolitik.
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